Perspektiven: Existenzgründung von Migranten, Immigranten - Migration Integration und Migranten migmag Kulturmagazin

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Perspektiven: Existenzgründung von Migranten, Immigranten

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Perspektiven

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Interview mit Markus Schmid
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"Darin sind gründungswillige Migranten unschlagbar!"

Migration Integration in Deutschland, Migranten und Migrationshintergrund - Markus Schmid zum Thema Migranten und Existengründung


Im migmag-Interview: Markus Schmid, Leiter "Existenzgründung" bei der IHK Ostwürttem-berg zum Thema Existenzgründung und Migration.


Der Sachverständigenrat für Integration und Migration in Berlin stellte in seiner aktuellen Studie zur Integrationsförderung 2010 in Deutschland fest: Menschen mit Migrationshintergrund wählen zunehmend die wirtschaftliche Selbstständigkeit als einen alternativen Weg in den Arbeitsmarkt. Seit den 1990er Jahren zeigt die Selbstständigenquote dieser Bevölkerungsgruppe ein enormes Wachstum. Eine Blitzumfrage des Deutschen Industrie- und Handelkammertages (DIHK) im September 2010 bestätigte den Sachverständigenrat: Immer mehr Migranten wollen sich selbständig machen. 2009 nutzten fast 11 000 angehende Unternehmer die Angebote der IHK, vier Prozent mehr als im Jahr 2007. Insgesamt, so die DIHK, schaffen Migranten im Jahr 2010 rund 150 000 Arbeitsplätze durch neu gegründete Unternehmen.


migmag: Herr Schmid, wie hoch ist die Zahl der Existenzgründungen von Menschen mit Migrationshintergrund in Ostwürttemberg?

Markus Schmid: Es gibt leider in Deutschland keine aussagekräftige Gründerstatistik. Überträgt man aber die Ergebnisse der DIHK-Umfrage auf die Region, so machen sich in Ostwürttemberg jährlich rund 500 Personen mit Migrationshintergrund selbstständig. Fast jeder fünfte Gründer hat damit einen ausländischen Hintergrund. In der Beratung stellen wir zwischen den Nationalitäten selten Unterschiede bei der Vorbereitung fest. Auch die Themen der Beratung sind meist die gleichen: Es geht um die Geschäftsidee, die Vermarktung, die Finanzierung und rechtliche Fragen. Lediglich Sprachbarrieren oder Fragen zu Formalitäten der Gründung nehmen bei Migranten einen größeren Raum ein.

migmag: Wo können, aus Ihrer Sicht, Barrieren für den Zugriff auf diese Angebote der IHK liegen?

Markus Schmid: Für viele Kleinunternehmen, dies gilt unabhängig von der Nationalität, liegt eine Hemmschwelle oftmals darin, dass sie glauben, die IHK bietet keinen Service für sie. Viele trauen sich nicht bei der IHK anzurufen oder gar vorbeizukommen. Auch sprachliche Barrieren sorgen für Zurückhaltung.

migmag: Wie und mit welchen Angeboten reagiert die IHK Ostwürttemberg auf Selbständige mit Migrationshintergrund?

Markus Schmid: Wir haben auf Veränderungen reagiert und in diesen Tagen neue Existenzgründer-Broschüren in englischer, polnischer und türkischer Sprache veröffentlicht. Im Rahmen des Gründer- und Unternehmertages gab es in Schwäbisch Gmünd auch ein Angebot speziell für Türken, die sich für Selbständigkeit interessieren. Leider war das Angebot wenig nachgefragt. Dazu bieten wir neben fremdsprachigen Informationen auch eine persönliche Beratung an, alles kostenfrei. Wenn es sprachlich klemmt, können auch gerne Familienangehörige und/oder Freunde mitgebracht werden.


migmag:
Nahmen diese Existenzgründer staatliche Förder- und Beratungsangebote in Anspruch?

Markus Schmid: Wir erleben oftmals, dass viele Migranten Informationen über Existenzgründung aus ihrem familiären Umfeld beziehen. Auch bei der Finanzierung hilft die Familie mit Verwandtendarlehen. Später gilt, dass die Familie eine wichtige Stütze ist und oft ehrenamtlich mitarbeitet. Darin sind gründungswillige Migranten unschlagbar!

migmag: Wie beschreiben Sie die vom Sachverständigenrat geforderte Lotsenrolle der IHKs für Gründungswillige mit Migrationshintergrund?

Markus Schmid: Die Lotsenrolle der IHK macht Sinn. Wir verstehen uns als erste Adresse für Gründer unabhängig von der Nationalität. In Ostwürttemberg selbst gibt es bisher noch keine Organisation, die speziell Migranten bei einer Existenzgründung unterstützt. Aber wenn der Bedarf steigt, werden wir versuchen das Netzwerk auch in diesem Bereich zu erweitern. Viele multikulturelle Wirtschaftswanderer haben aber bereits neben der Familie bestehende Netzwerke, wie z.B. Wirtschaftsclubs.


migmag:
Welche Rolle spielen Bankinstitute bei entsprechenden Existenzgründungen?

Markus Schmid: Ich wäre vorsichtig damit zu behaupten, dass, es Migranten bei Bankinstituten schwerer haben. Unabhängig von der Nationalität gilt immer das Prinzip der Kreditfähigkeit: dazu braucht man immer ein zukunftsfähiges Konzept sowie Sicherheiten.

Migration, Integration in Deutschland, Migranten und Migrationshintergrund - IHK Starthilfebroschüren

migmag: Welche Empfehlungen geben Sie Existenzgründern mit Migrationshintergrund auf ihrem Weg in die Selbständigkeit?

Markus Schmid: Es ist im Grunde bei allen Existenzgründer gleich. Zu Beginn muss erst einmal geklärt sein: Welches Alleinstellungsmerkmal besitzt mein Unternehmen, was zeichnet es aus?

  • Unterstützt mich meine Familie bei der Gründung?

  • Besitze ich eine ausreichende Liquidität, um die Phase der Markteinführung zu überstehen?


Ganz wichtig sind Marketing und Vertrieb! Es reicht nicht aus, einmal eine Anzeige in der Zeitung zu schalten und zu hoffen, alle kennen dann meine Leistung. Marketing ist mehr. Es braucht eine klare Zielgruppe und deren genaue Ansprache.

Bei allen Herausforderungen sollte man sich bewusst sein, dass man nicht alles alleine stemmen kann und muss, dass man auf externe Partner zugreifen kann.

Allgemein lässt sich sagen, dass viele Gründer mit Migrationshintergrund ihr Potenzial noch nicht nutzen. Ein Beispiel: Kontakte in die alte Heimat z.B. zu zuverlässigen Produktionspartnern, die als verlängerte Werkbank für deutsche Unternehmen dienen können, die keine eigene Niederlassung gründen wollen. Wer es versteht ein solches Netzwerk aufzubauen, kann einen  spannenden Markt bedienen.
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Interview: Maren Becker, 5. November 2011


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