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Immigranten, Migranten - Einmal Istanbul und zurück

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Umgang mit Menschen

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Einmal Istanbul und zurück

Migration, Integration in Deutschland, Migranten und Migrationshintergrund


Am eigenen Einsatz liegt es oft nicht, wenn Fachkräfte mit ausländischem Hintergrund das Land verlassen. "Deutschland fehlt eine Willkommenskultur", sagt ein Unternehmer. Das hat gravierende Folgen.

Es gab eine Zeit, da haderte Serdal Sahin: "Wenn Ihr mit Eurer Investition in meine Ausbildung nichts anfangen könnt, andere können es." Das waren Tage, an denen es Absagen auf seine Bewerbungen hagelte und die Bundesagentur für Arbeit ihn mit einem weiteren Qualifizierungsprogramm vertröstete oder ein Unternehmen wieder einmal nur eine unbezahlte Praktikumsstelle bot.

Doch der Wirtschaftsingenieur suchte keinen Zeitvertreib. Er wollte Arbeit, die seiner Qualifikation entsprach. Für diese hatte er gegen Widerstände in der Familie und bei Lehrern eine "Ochsentour" zurückgelegt: Nach dem Hauptschulabschluss mit der Note 1,1 - Lehrer hatten entschieden, dass für einen Buben aus einer türkischen Familie keine andere Schule in Frage kommt - nach Berufsfachschule, Technischem Gymnasium und einem Wirtschaftsstudium mit Fachrichtung Maschinenbau wollte Serdal Sahin ins Berufsleben starten. "Doch es ging nichts voran." Kommilitonen zogen an ihm vorbei in feste Anstellungen. Er selbst blieb auf der Strecke. Nach einer OECD-Studie aus dem Jahr 2007 sind in Deutschland Akademiker mit Migrationshintergrund fast dreimal so häufig arbeitslos wie Akademiker ohne Migrationshintergrund (12,5 zu 4,4 Prozent).

Qualifizierte Fachkräfte gehen
Der heute 40-Jährige kann sich gut an seine damaligen Gefühle erinnern, an seine Wut, die Enttäuschung und die Verletzung wegen der spürbaren Zurückweisung, die Sahin auf seinen türkischen Namen zurückführt. Ein Landsmann vermittelt ihm schließlich eine Stelle im Vertrieb eines mittelständischen Unternehmens. Doch nach drei Jahren bewegt sich auch dort nichts mehr nach vorne. Zu einer weiteren Durststrecke war Sahin nicht bereit. "Wenn es nicht möglich ist, in Deutschland etwas zu machen, gehe ich weg."

Der in Leonberg aufgewachsene Mann packt 2003 seine Koffer. Tausende junge Akademiker und Fachkräfte tun es ihm Jahr für Jahr nach. 155 000 Hochqualifizierte mit deutschem Pass zogen 2009 aus Deutschland weg - mehr als in derselben Zeit nach Deutschland kamen. Auf die Türkei bezogen: Während 2009 rund 30 000 Menschen aus der Türkei nach Deutschland zugewandert sind, verließen in umgekehrter Richtung 40 000 das Land. Generell gilt: Vor allem gut qualifizierte Fachkräfte gehen. Das bereitet Industrie und Handwerk Sorgen. Nach einer Studie des Industrie- und Handelskammertages haben bereits 70 Prozent der Unternehmen Probleme, Stellen zu besetzen.

Die Klage ist groß - auch in Baden-Württemberg, das nach einer Erhebung der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Geislingen jährlich etwa 2200 junge Fachkräfte verliert. "Die Grenznähe zur Schweiz, zu Österreich und zu Frankreich wirkt sich aus", erläutert Professor Christian Arndt die Studie. Aber auch das Qualifikationsprofil. Im Ausland gefragt seien Wirtschaftsingenieure, Maschinenbauer, Elektrotechniker und Naturwissenschaftler - und die bildet das Land an seinen Hochschulen aus.

Fehlende Willkommenskultur
Faruk Ceran hält viele Probleme in Deutschland für hausgemacht: " Das Potenzial wird nicht ausgeschöpft, vor allem nicht bei Migranten." Der Geschäftsführer des Unternehmerverbandes SELF weiß wovon er spricht. Für seine Promotion erforscht er derzeit Wanderungsbewegungen von Fachkräften aus dem Südwesten. "Deutschland fehlt eine Willkommenskultur." Vor allem gegenüber Zugezogenen, die nicht aus den bevorzugten Staaten der EU und aus den USA stammen. Und ein weiteres Defizit fällt Faruk Ceran ein: "Deutschland hat prima die Bedürfnisse der ersten Zuwanderergeneration befriedigt."

Mit dem Lohn für ihre Arbeit konnten sich die Gastarbeiter der ersten Generation Essen, Wohnung, einen Fernseher und mit der Zeit sogar ein Auto leisten. Die dritte und vierte Generation habe jedoch andere Ziele. "Hier geht es um Selbstverwirklichung und um ihren Platz in der Gesellschaft." Und damit um Anerkennung und Respekt. "Die Menschen wollen teilhaben und stoßen auf eine Wand der nicht Veränderungswilligen." Tatsächliche oder gefühlte Ausgrenzungen treiben Junge und Flexible aus dem Land.

Akademiker wie Serdal Sahin oder auch Ahmet S. und seine Frau Aische. Ahmet ist in Deutschland aufgewachsen, studierte und arbeitete schließlich bei einem Autozulieferer. "Gerne", wie er sagt. Nur seine heute 36-jährige Frau, die in der Türkei Zahnmedizin studierte, fand keine Stelle. Ihre Ausbildung wird in Deutschland nicht anerkannt. "Ich bin hauptsächlich wegen meiner Frau gegangen."

Mehr Spaß in der Türkei
Heute lebt das Ehepaar in Istanbul - er ist Selbstständiger, sie arbeitet in einer zahnärztlichen Gemeinschaftspraxis. "Die Türkei bietet gute Chancen." Vor allem für Menschen wie Ahmet, der bei seinen Mitarbeitern als "Deutscher gilt, der gut türkisch spricht". Die Wirtschaft boomt, mehrsprachige Experten sind gefragt. Und habe man sich erst einmal an die Hektik der 16-Millionen-Metropole gewöhnt, lasse es sich dort gut leben. Der Lebensstandard für die Mittelschicht sei vergleichbar. Das Leben pulsiert. Die Gesellschaft hat Platz für Seiteneinsteiger und Menschen, die einfach etwas ausprobieren wollen. "Deutschland ist ein guter Rufer - aber mehr Spaß macht es in der Türkei", fasst der 38-jährige Ahmet seine Erfahrungen zusammen.

Auch Serdal Sahin hat es in Istanbul zu etwas gebracht. Seine kleine Firma für Bewässerungstechnik läuft. Die Umsätze stimmen. Regelmäßig pendelt er über Jahre hinweg nach Deutschland, wo seine Frau und seine drei Kinder leben. Ginge es allein nach dem Kopf, könnte der 40-Jährige zufrieden sein. Doch die Frage: "Wo gehöre ich hin?" lässt ihn nicht mehr los. "Meine Realität ist in Deutschland", stellt er allen Kränkungen zum Trotz für sich fest. Nach Jahren im Land der Eltern kehrt Serdal Sahin nach Deutschland zurück - gestärkt, robuster und mit einer Portion Erfahrung.
Auch damit ist er nicht allein. Landesweit sind 2009 rund 115 000 Menschen mit deutschem Pass zurückgekommen.

Menschen gefühlsmäßig verankern
Auch "die Hälfte der Abwanderer aus Baden-Württemberg kehrt innerhalb der ersten fünf Jahre zurück", ermittelte der Geislinger Professor Arndt. Oft mit zusätzlichem Wissen, höheren Einkommen und besseren Karrierechancen.

Für Serdal Sahin hat sich die Zeit in Istanbul gelohnt. "Ich weiß, was ich kann," sagt er. Deshalb hat er sich beruflich noch einmal auf ein neues Gleis gestellt und die Arbeit als Berufsschullehrer aufgenommen. "So kann ich Jugendlichen mit ausländischem Familienhintergrund vermitteln: Du gehörst dazu wie der Peter und der Klaus." Für Serdal Sahin ist das zentral: "Man muss die Menschen gefühlsmäßig verankern." Das muss Deutschland noch lernen.

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Autorin: Elisabeth Zoll, 11.11.2010, Südwest Presse





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