Menschen und Migration - Alice Romas: Von Gestrandeten und Freiheitsliebenden - Migration Integration und Migranten migmag Kulturmagazin

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Menschen und Migration - Alice Romas: Von Gestrandeten und Freiheitsliebenden

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Menschen und Migration

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Ankommen

Alice Andrea Romas (Jg. `80) kennt sich beim Thema "Ankommen" sehr gut aus. Die Autorin und Journalistin wurde in Temeschburg, Rumänien geboren, wuchs in Deutschland auf und zog nach ihrem Studium nach Südafrika weiter. Sie lebt in Kapstadt und berichtet in migmag über Ihre Erfahrung in einem fremden Land anzukommen.


Menschen und Migration: Die Journalistin Alice Romas ist in Kapstadt gestrandet und berichtet in migmag



Von Gestrandeten und Freiheitsliebenden



Eine weiße Welle tanzt auf dem tiefblauen Ozean. Eine Möwe kreischt. Eine zweite stimmt mit ein. Sie stürzen sich auf ein für sie klar erkennbares Ziel, lassen sich Kopf voraus über der weißen Gischt fallen, bremsen abrupt und schon stehen beide sicher auf beiden Beinen vor ihrer erspähten Beute.

Vogelfrei, denke ich. Das soll euch Vögeln einmal jemand nachmachen. Bei allen Freiheiten, die uns Menschen gegeben sind, ob wir sie wahrnehmen wollen oder nicht, die Vogelfreiheit ist immer noch eine ganz andere Dimension des Freiseins und bleibt wahrscheinlich auch unsere größte unerfüllbare Sehnsucht.
Selbstverständlich können auch wir Zweibeiner unsere Flügel ausfahren, wenn wir es wirklich möchten und wenn wir den Mut dazu haben. Aber so sorgenlos und schnell geht das bei uns leider doch nicht. Ich wende meinen Blick von den Freiheitshelden am Strand ab und auf die geschäumte Milch auf meinem Cappuccino. Den benötige ich im Augenblick. Die Bucht vor meinen Augen liegt hinter einem milchigen, weißen Schleier. Die Luft ist salzig und feucht. Sogar meine Schlabberhose fühlt sich klamm an. Im "Dunes" halte ich mich gerne auf. Das Café steht in den Dünen am Strand von Hout Bay. Die Bucht und das nette Fischerstädtchen, das einen lässigen Künstlercharakter hat und wo man immer den besten Fisch findet, liegt noch im morgendlichen Nebel. Hier sitze ich nun auf der Terrasse, atme die Meeresluft und fühle Salz zwischen meinen Zähnen. Welches Glück mir doch vergönnt ist.

"Goodbye, Mam. Please come again, Mam." verabschiedet sich der freundliche Kellner, der doch genau weiß, dass ich wieder komme. Immer wieder komme, weil ich hier den besten Cappuccino trinken kann und das Schreiben bei frischer Luft wie von selbst geht. Ich eile die schmale Holztreppe nach unten und ziele geradewegs auf die Beute meiner Freiheitshelden zu. Diese sind nicht mehr in Sichtweite. Oder vielleicht doch? Ich kann sie unter ihresgleichen nicht mehr erkennen. Sand kitzelt mich zwischen den Zehen. Meine beiden Vögel sind in der Masse untergegangen. Heldenhaft untergetaucht. Genau so, wie wir Menschen, denke ich. Die meisten Menschen zieht es aus Neugierde, aus Abenteuerlust, aus dem Drang heraus etwas anderes zu tun oder aufgrund der Sehnsucht neu anfangen zu wollen in die Ferne. Wer Deutschland verlässt, so wie ich, tut dies nicht aus Not. Nicht, weil es an Essen fehlt, nicht, weil es an Freiheit fehlt. Anders als bei vielen Familien, die ihr Land, ihr Haus und liebe Menschen aus Verzweiflung und Sorge verlassen, habe ich meine Entscheidung aus freiem Willen und mit Vorfreude getroffen. Flucht aus einer modernen Gesellschaft bedeutet Durst nach Abenteuer oder Wegrennen. Vor was, das kann in den unterschiedlichsten Fällen etwas anderes sein, aber oft gelangt der Seelenflüchtling einfach an diesen gewissen Punkt im Leben.

Vogelfreiheit wollte ich jedenfalls spüren, dorthin gehen, wo ich mich angekommen fühle. Die Lektüre Geh wohin dein Herz dich trägt habe ich selbstverständlich in einem Rutsch gelesen. Geholfen hat sie mir nicht. Sie hat mich eher traurig gestimmt, als dass sie mir  Mut zum Mut gegeben hätte. Aber Freiheitssinn steht mir gut, so dachte ich. Wenn mir auch nicht Susanna Tamaros Lektüre die Flügel in de Höhe treiben konnte, so schaffte es doch  der Afrika-Klassiker Jenseits von Afrika
meine Leidenschaft für den afrikanischen Kontinent zu steigern und eine verrückte Idee in mein Gedächtnis zu platzieren. Besonders der Film hat uns das Afrika-Image überhaupt vermittelt oder besser gesagt, vorgegeben. Der Mythos Afrika, der Baum in der endlosen Steppe, wilde Tiere, Rituale, Armut und Gewalt. Sind das die Attribute Afrikas? Natürlich nicht oder nicht nur. Zumindest habe ich mich auf Spurensuche begeben und auf den Weg gemacht, das südlichste Land auf dem afrikanischen Kontinent zu kosten, zu schmecken und lieben zu lernen.

Und so bin ich in Kapstadt gestrandet, wie die Möven aus Neugierde an der Beute und weil sie ihren Freiheitsdrang ausleben müssen, und auch wie der Mensch auf der Flucht vor diesem gewissen Punkt im Leben. Gelandet bin ich einen Gedankengang später und nach einer weiteren Lektüre, diesmal aus Südafrika, Schande von J.M. Coetzee
, in Kapstadt und somit mitten in einem brodelnden immer aktiven Topf voller Gegensätze, Schönheiten und Hässlichkeiten. Mitkochen in diesem Eintopf des bunten Regenbogenlandes, das war mein Wunsch. Ich wollte verstehen, verändern, helfen, akzeptieren, lieben, annehmen und fragen lernen.

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Autorin: Alice Romas/14.03.2011




> Teil 1: Von Gestrandeten und Freiheitsliebenden
> Teil 2: Wo ist deine Heimat?
> Teil 3: Angekommen




Alice Romas Rezept "Milk Tart"

Menschen und Migration: Alice Romas ist gebürtige Rumänin, in Deutschland aufgewachsen und lebt jetzt in Südafrika


Kommentare (1)
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Karl Klaey, Schweiz, 18.03.2011
Ein herrlich verfasster Artikel, authentisch und dadurch eine sehr spannende Lektüre, freue mich sehr auf den 2.Teil !!



Fotos: Portrait + unten ©by Alice Romas, Bild links: ©by Petra/www.pixelio.de

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