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Buchtipps der migmag-Redaktion zum Thema Migration und Kultur
Migration, Integration in Deutschland, Migranten und Migrationshintergrund

Lesen bedeutet, die Welt zu erobern, das Andere und Fremde zu verstehen, gesellschaftliche Probleme zu erkennen oder sich einfach der Spannung von Geschichten hinzugeben. Migmag möchte an dieser Stelle Bücher empfehlen, die berühren, faszinieren, zum Nachdenken anregen oder einfach unterhalten.


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Buchtipp: Der letzte Ausweis

migmag Buchtipp Migration: Der letzte Ausweis

Der letzte Ausweis

F.M. Esfandiary. Aus dem Englischen von Ilija Trojanow

Teheran, Mitte der 1960er Jahre. So hat sich Dariusch Aryana die ersehnte Rückkehr in seine Geburtsstadt nicht vorgestellt: Nach vielen Jahren im Westen erweist sich die gelobte Heimat für ihn als Fremde. Er findet keinen Zugang mehr zu seiner alten Kultur; Verwirrung und Einsamkeit werden seine Begleiter. Er beschließt, schnellstens wieder in den Westen auszureisen, doch dazu braucht er einen neuen Ausweis. Die Beschaffung dieses Dokuments wird zu einem wahnwitzigen Irrlauf durch das Behördenlabyrinth. Und dann gerät er auch noch in den blutigen Aufstand gegen das Terrorregime ...

Dariusch Aryana, der den Großteil seines Lebens im westlichen Ausland verbracht hat, kehrt Mitte der 60er Jahre in seine Geburtsstadt Teheran zurück. Er versucht, wieder Teil der iranischen Gesellschaft zu werden - vergeblich. Er bleibt ein Fremder in der Heimat, die zudem von einem totalitären System beherrscht wird, das den Armen und Wehrhaften das Genick, den Mitläufern das Rückgrat bricht. Nach wenigen Wochen möchte Aryana wieder ausreisen - doch dazu ist ein neuer Ausweis notwendig. Die Beschaffung dieses Dokuments führt ihn in ein kafkaeskes Labyrinth, das sein Leben völlig vereinnahmt: Von Amt zu Amt, von Behörde zu Behörde schickt man ihn. Die endlose Jagd wird zum Sinnbild der Identitätssuche. "Der letzte Ausweis" handelt von der Fremde in und um uns, von der Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Nähe, von der verzweifelten Suche nach einer unverrückbaren Identität - und vom Scheitern dieser Suche. Esfandiary schildert lakonisch und in schnörkelloser Sprache den Wahnsinn der Bürokratie und die nahezu unendliche Duldsamkeit der Menschen, die in die Mühlen der Behörden geraten. Wenig hat sich geändert seit dem Erscheinen dieses Romans vor 40 Jahren.

"Wenn Literatur zum Lachen und Weinen animiert und es im selben Atemzug uns aufzurütteln vermag, dann wird erst der Text lebendig. "Der letzte Ausweis" ist voller Tatendrang und mündet in resignativer Ohnmacht, sodass mehr Fragen als Antworten bleiben. Aber gerade Fragen stehen am Beginn jeder Tat." Björn Haye in Die Berliner Literaturkritik


Fereidoun M. Esfandiary
(später nannte er sich FM-2030) wurde 1930 in Brüssel als Sohn eines iranischen Diplomaten geboren und wuchs u.a. in England, Iran, Afghanistan und Indien auf. Er war Olympiateilnehmer, Mitglied der UN-Schlichtungskommission für Palästina, Schriftsteller, Dozent, Philosoph und Futurologe. Esfandiary glaubte an eine globale Gesellschaft, der es im 21. Jahrhundert gelingen würde, politische, rassische und nationale Unterschiede zu überwinden. Er starb im Jahr 2000.

Gebunden mit Schutzumschlag, 244 Seiten, 2009


Buchtipp: Der verlorene Vater

migmag Buchtipp Migration: Der verlorene Vater

Der verlorene Vater
von Edwidge Danticat, aus dem Englischen von Susann Urban

Neun Geschichten über einen Mann, der von Haiti in die Vereinigten Staaten ausgewandert ist - angeblich auf der Flucht vor dem Duvalier-Regime, von dem er verfolgt und gefoltert wurde. Äußeres Zeichen dieses Schicksals ist eine lange Narbe. Erst im Erwachsenenalter erfährt seine in New York geborene Tochter, dass ihr Vater keineswegs Opfer, sondern Täter war, ein Mann, der alle Finessen des Folterns beherrschte, der das Leben unzähliger Menschen zerstörte. Die einzelnen in sich abgeschlossenen
Kapitel zeichnen das Bild der haitianischen Gesellschaft zwischen Armut, Willkürherrschaft, Flucht und Auswanderung. Es kommen Menschen zu Wort, denen das Leben unter der paradiesischen Sonne Haitis zur Hölle wurde. IBei der Haupterzählung über den bekehrten Schergen, die durch den ganzen Band hindurch entwickelt wird, lässt Danticat gelegentlich den leichten Zugriff vermissen, der insgesamt die Qualität des Buches ausmacht. Der couragierte Priester, dessen Tod die Wende im Leben des Folterers einleitet, ist ein gar zu modellhafter Antagonist; die Unbedachtheit, mit der sich die Stiefschwester des Ermordeten einem wildfremden Mann anschliesst, in dem sie fälschlicherweise ein Opfer und nicht den Täter sieht, lässt zumindest stutzen; und die seelischen Schutzräume, in die sich das Ehepaar nach der Klärung des grässlichen Missverständnisses flüchtet - der Mann vertieft sich in den ägyptischen Totenkult, die Frau sammelt religiös inspirierte Wundergeschichten -, wirken etwas artifiziell. Das ist aber zu verschmerzen in einem Band, der sonst historische und menschliche Abgründe achtsam und ohne spektakuläre Gesten vermisst und der aus der Verschränkung unterschiedlicher Zeitebenen und Figurenkonstellationen eine Dichte gewinnt, mit der ungleich dickleibigere Werke nicht ohne weiteres aufwarten können.

"Edwidge Danticats Sprache ist luzide und lyrisch, sie beherrscht die Kunst der Andeutung und Aussparung, weswegen der Leser immer tiefer hineingezogen wird, und so zu einem faszinierten und zugleich angewiderten Mitwisser wird." Weltlese

Edwidge Danticat
, 1969 in Port-au-Prince, Haiti, geboren, folgte ihren Eltern mit zwölf Jahren in die USA. Seit ihrem beeindruckenden Erstling "Breath Eyes Memory", der unter dem Titel "Atem, Augen, Erinnerungen" 1996 erschien, gilt sie als eine der bedeutendsten Stimmen der karibischamerikanischen Literatur, die nicht nur die Geschichte ihres Herkunftslandes thematisiert, sondern auch die Erlebnisse in der Diaspora. Sie lebt in New York.

Gebunden mit Schutzumschlag ca. 200 Seiten



Buchtipp: Ebenholz

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Ebenholz
Rosa Yassin Hassan: Ebenholz. Aus dem Arabischen von Riem Tisini.

Die Protagonistinnen in Ebenholz sind fünf Frauen. Eine Truhe aus Ebenholz begleitet das Leben der Frauen aus fünf Generationen: Urgroßmutter, Großmutter, Mutter und Tochter. Sie waren verträumt, verliebt, rebellisch und gebildet. Dennoch müssen alle den gleichen Kampf in einer patriarchalischen Gesellschaft ausfechten, bedienen sich jedoch unterschiedlicher Mittel. Die Urenkelin Angela führt uns durch das Leben der Frauenlinie, die bis in die Zeit der osmanischen Herrschaft in Großsyrien zurückreicht. Authentisch beschreibt Rosa Yassin Hassan eine Zeitgeschichte ihres Landes im 20. Jahrhundert, doch zart und einfühlsam zeichnet die Autorin ihre Frauenfiguren.??Der Roman sorgte bei seinem Erscheinen für Aufsehen. Das syrische Kulturministerium hatte ihn zwar mit dem zweiten Preis, dem "Hanna Mina Preis" für junge Romanautoren ausgezeichnet, hat jedoch in der arabischen Ausgabe einige Passagen gestrichen, die sich mit Sexualität befassen. Der Alawi Verlag veröffentlicht die Übersetzung des unzensierten Originalmanuskripts.

Alawi-Verlag, Köln 2010, 310 Seiten


Buchtipp: Grenzvagabund

migmag Buchtipp Migration: Grenzvagabund

Grenzvagabund
von Martin Graff, VAT Verlag

Ein elsässischer Vater, der 1945 in Polen in der Uniform der Wehrmacht fällt. Sein Sohn, der zunehmend verzweifelt nach Spuren und Erklärungen sucht. Eine Reise über Grenzen und Sprachen hinaus beginnt.

Den ungewöhnlichen Roman einer nachgetragenen Liebe hat Martin Graff zweimal geschrieben: zuerst auf Deutsch, dann auf Französisch - das ist, soweit man das beurteilen kann, ein ziemlich einmaliger Vorgang, aber aus der Perspektive dieses Autors, der für seine Kolumnen eine eigene Mischsprache entwickelt hat, nur konsequent. Klar umgrenzte Identitäten sind bei ihm nicht zu haben. So mag es dann nach einem ersten Stutzen auch nicht wirklich verwundern, dass dieser temperamentvoll im Präsens vorgetragene Text - wer den Autor kennt, findet ihn darin wieder - so selbstverständlich wie kühn zwischen Autobiographie und Fiktion, dokumentierten Fakten und märchenhafter Erzählung vagabundiert: Der "Gedankenschmuggel", für den der Ich-Erzähler viel übrig hat, gilt in erster Linie für ihn selbst.

Martin Graff, Jg. 1944,  legt in diesem Roman ein glühendes Bekenntnis zur Humanität und zu den demokratischen Wurzeln Europas ab. Geboren in Munster im Département Haut-Rhin, studierte er Theologie, Philosophie und Romanistik an der Universität Straßburg. Graff ist Autor, Kabarettist und Filmemacher.

"Ob die Elsässer wirklich die Kurden Westeuropas sind: Über solche kessen Vergleiche lässt sich streiten. Nicht aber über den tief empfundenen und gelebten europäischen Geist, der dieses zwischen Roman und Geschichtskunde vagabundierende Buch durchweht. Am schönsten bringen ihn die dem Vater in die Feder diktierten Verse zum Ausdruck: "Hänge deine Wurzeln/ in die Luft und klettere auf die Sterne, / erst dann blickst du über die Grenzen/ ins andere Land, ins andere Herz,/ erst dann blickst du über die Grenzen/ ins eigene Land, ins eigene Herz." Badische Zeitung


Buchtipp: Krieg

migmag Buchtipp Migration: Janne Teller - Krieg


Janne Teller: Krieg

Stell dir vor, es ist Krieg - nicht irgendwo weit weg, sondern hier in Europa. Die demokratische Politik ist gescheitert und faschistische Diktaturen haben die Macht übernommen. in Deutschland herrschen Hunger, Kälte, Angst und Diktatur. Eine Familie geht fast zugrunde, denn der Vater ist geflohen, die Mutter todkrank, der Bruder im Untergrund und die Schwester des namenlosen Protagonisten noch klein. Nach drei schlimmen Jahren beantragen die Mutter und ihre Kinder Asyl und reisen aus nach Ägypten, wo Friede herrscht und Freiheit. Doch obwohl sie nun mit dem Vater zusammen und in Sicherheit sind, ist das Glück fern: Weil der 14-jährige Protagonist keine Aufenthaltsgenehmigung hat, kann er nicht zur Schule gehen, kein Arabisch lernen, keine Arbeit finden. Er fühlt sich als Außenseiter und sehnt sich nach Hause. Doch wo ist das? Mit der Heimat haben die Emigranten ihren sozialen Status, Ihrer Arbeit und Sprache, ihre Freunde und ihr Selbstbewusstsein verloren, auch nach Jahren bleibt es ein trostloses Leben zwischen den Welten.

Janne Teller, geboren 1964, schreibt zu hochaktuellen Themen wie Flucht, Migration und Fremdenfeindlichkeit. Ihre erste Erzählung veröffentlichte sie im Alter von 14 Jahren in der dänischen Zeitung Berlingske Tidende. Mit 30 kündigte sie dann ihren Beruf, mietete eine Ein-Zimmer-Wohnung in Kopenhagen und widmete sich ausschließlich dem Schreiben.

Irisch Radischs Lesetipp: "Ein hinreißendes Gedankenexperiment!"

Stell dir vor, er wäre hier - übersetzt aus dem Dänischen von Sigrid Engeler, illustriert von Helle Vibeke Jensen, 64 Seiten, empfohlen ab 12 J., Hanser Verlag

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Buchtipp: Der letzte Grieche

migmag Buchtipp Migration: Aris Fioreto - Der letzte Grieche


Aris Fioreto: Der letzte Grieche

Jannis Georgiadis, Sohn eines Bauern aus Griechenland, verlässt seine Heimat Mitte der sechziger Jahre, um seiner Jugendliebe nach Schweden zu folgen. Vorübergehend findet er dort das Paradies: Er träumt von einem Studium der Hydrologie und verliebt sich in das schwedische Kindermädchen. Doch als sich viel zu früh ein Kind einstellt, scheitert nicht nur eine der Zukunftsvisionen des griechischen Gastarbeiters. Aris Fioretos' Geschichte über Familie, Migration, Erinnerungen und Lebenslügen ist ein virtuoser Roman über das 20. Jahrhundert in Europa.

"Aris Fioretos' Geschichte über Familie, Migration, Erinnerungen und Lebenslügen ist ein virtuoser Roman über das 20. Jahrhundert in Europa.", sf magazin


Aris Fioretos: "Der letzte Grieche", Roman, aus dem Schwedischen von Paul Berf, Hanser Verlag München 2011, 415 Seiten

Buchtipp: Die Kinder unseres Viertels

Migration und Integration: Nagib Machfus - Die Kinder unseres Viertels


Nagib Machfus: Die Kinder unseres Viertels

Am Ende der Straße, dort, wo die Wüste beginnt, steht das große Haus. Hinter hohen Mauern in einem paradiesischen Garten wohnt hier der geheimnisvolle Gabalawi, der Stammesvater des Viertels. Seit undenklichen Zeiten hat ihn niemand mehr gesehen. Dennoch leitet er wie mit unsichtbarer Hand das Schicksal seiner Kinder und Kindeskinder. Wächter und Verwalter terrorisieren das Viertel in wiederkehrenden Wellen von Aufruhr und Unterdrückung. In den Liedern zur Rabab und den Geschichten, die zur Opiumpfeife in den Kaffeehäusern erzählt werden, überleben die Taten und Ideale von Adham, Gabal, Rifaa, Kasim und Arafa, die auszogen, der Gewalt ein Ende zu setzen. Auch Nagib Machfus erlebte das Räderwerk der Gewalt: Nach dem Erscheinen der ersten Folgen in der Zeitung Al Ahram 1959 wurde die Veröffentlichung des Romans unterbunden. Als Nagib Machfus fast dreißig Jahre später mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, sprachen einige islamische Fundamentalisten über den Autor ein Todesurteil aus. "Die Kinder unseres Viertels" sind bis heute in Ägypten nicht erschienen.

"Die Parabel von der ewigen Spirale der Gewalt, vom Segen der Demokratie und von Fluch des Vergessens verpackt Machfus in action pur bis zur letzten Seite."  Frankfurter Rundschau

Buchtipp: Der Jakubijân-Bau

Migration, Intergration: Alaa al-Aswani: Der Jakubijân-Bau


Alaa al-Aswani: Der Jakubijân-Bau
Roman
Aus dem Arabischen und mit einem Nachwort von Hartmut Fähndrich. Die Armen wohnen oben, auf dem Dach, in kleinen Kabüffchen, die ursprünglich als Abstellkammern konzipiert waren. In den Stockwerken darunter geht es weniger knapp zu. Dort hat ein durch die Revolution von 1952 teilenteigneter Grundbesitzer sein Büro mitsamt Liebesnest, ein Chefredakteur seine Wohnung, ein Neureicher das Domizil für seine Zweitfrau und viele Ungenannte ihr ganz normales Zuhause. Auf vielfältige Weise verweben sich die Leben der Bewohner. Das Haus wird zum Mikrokosmos für Ägypten.
Alaa al-Aswanis Roman stellt vieles dar, was es in Ägypten gibt, worüber aber nicht häufig - und eigentlich nie in dieser Direktheit - gesprochen wird. Da kommt der junge Mann nicht an die Polizeischule, weil sein Vater nur Türhüter ist. Da hält sich der wohlhabende Journalist einen armen Oberägypter als Bettgenossen. Da predigt der eine Geistliche für die Regierungspolitik, der andere für den Terror. Da bereichern sich manche schamlos mit den zweifelhaftesten Geschäften. Da wird das junge Mädchen, das für seine Familie sorgen muss, von allen Arbeitgebern systematisch belästigt. Da träumt der ehemalige Aristokrat von vorrevolutionären, besseren Zeiten. Da wird im Bereich der Politik geschmiert, geschnüffelt und gefoltert. Da wird eben das tägliche Leben Ägyptens gezeigt.

Alaa al-Aswani wurde 1957 in Ägypten geboren. Er hat das französische Gymnasium in Kairo besucht und in den USA Zahnmedizin studiert. Al-Aswani lebt in Kairo, wo er als Zahnarzt, Journalist und Schriftsteller tätig ist. Er ist in der Oppositionsbewegung "Kifaja" aktiv, die die korrupten Eliten Ägyptens für die Misere im Land verantwortlich macht und damit den Staat und die religiösen Autoritäten herausfordert. Der "Jakubijan-Bau" ist al-Aswanis erstes Buch in deutscher Übersetzung.

Alaa al-Aswani: Der Jakubijân-Bau. Roman aus Ägypten. Übersetzt aus dem Arabischen und mit einem Nachwort versehen von Hartmut Fähndrich, Lenos Verlag Basel, 384 Seiten

Buchtipp: Das Sexleben eines Islamisten in Paris

Leïla Marouane - Das Sexleben eines Islamisten in Paris


Leïla Marouane - Das Sexleben eines Islamisten in Paris
Roman
Eigentlich ist Mohamed gar kein Islamist, sondern ein ganz gewöhnlicher Frömmler, dem eines Tages die Absurdität seines Gott und guten Werken geweihten Lebens aufgeht. Er beschließt, mit vierzig Jahren endlich bei seiner Mutter in Saint-Ouen, einer tristen Pariser Banlieue, auszuziehen und deren erdrückender Präsenz zu entkommen. Sein astronomisches Banker-Gehalt erlaubt ihm alle Extravaganzen, und er leistet sich ein Luxusappartement im 6. Pariser Arrondissement, ändert seinen Namen in Basile Tocquard und verleugnet seine algerische Herkunft. So, hofft er, wird er bald auch seine demütigende Jungfräulichkeit verlieren und ein neues Leben beginnen, voller erotischer Vergnügungen, die nur Europäerinnen, "frei in Leib und Geist", ihm bieten können. Doch etwas in ihm, eine Art ethnischer Magnet, zieht immer nur Frauen aus dem Maghreb an - die sich ihm samt und sonders verweigern. Die eine will trotz ihrer freizügigen Erscheinung bis zur Ehe Jungfrau bleiben, die andere ist lesbisch, die dritte ist abstinent, weil gerade schwanger.
Die einzige Frau, die sich für ihn interessiert, ist seine Mutter. Die tut alles dafür, ihren "Augenstern", ihren Erstgeborenen, der Höhle des westlichen Löwen zu entreißen und ihn auf den Rechten Weg des Islam zurückzuführen…
Schonungslos und boshaft rechnet Marouane mit der Doppelmoral frommer Männer, fürsorglicher Mütter und republikanischer Freiheiten ab.

Original: La vie sexuelle d'un islamiste à Paris, Albin Michel, 2007, aus dem Französischen übersetzt von Marlene Frucht

Deutsche Erstausgabe, gebunden mit Schutzumschlag, 224 Seiten
Erschienen August 2011

Buchtipp: Der Klang der Fremde

migmag Buchtipp Migration und Migranten in Deutschland: Der Klang der Fremde


Kim Thúy: Der Klang der Fremde
Die Erfahrung der Flucht aus Vietnam, versteckt in einem kleinen Schiff, zusammen mit 200 anderen Menschen: das ist der Ausgangspunkt für das kleine Buch der vietnamesisch-kanadischen Autorin Kim Thúy. Viele Jahre später beginnt sie darüber zu schreiben - und lässt aus Erinnerungsstücken eindringliche Szenen und Bilder entstehen. Sie erzählt von ihrer vietnamesischen Großfamilie und von der traumatischen Flucht, die sie mit zehn Jahren erlebte. Vom Lager in Malaysia, von der Ankunft im fremden Kanada, das ihr wie ein gelobtes Land erschien. Kim Thúy sieht Krieg und findet Frieden, erlebt Zerstörung und erfährt überraschendes Glück.

Kim Thúy, Der Klang der Fremde
Aus dem Französischen von Andrea Alvermann und Brigitte Große. Kunstmann Verlag, München 2010. 159 Seiten

Buchtipp: Döner, Machos und Migranten

migmag Buchtipp Migration und Migranten in Deutschland: Betül Durmaz, Döner Machos und Migranten


Betül Durmaz: Döner, Machos und Migranten - Mein zartbitteres Lehrerleben
Sie ist Deutsche mit Migrationshintergrund, Muslimin, alleinerziehende Mutter. Betül Durmaz, 40 Jahre alt, unterrichtet an einer Schule, in der die meisten Schüler als sozial problematisch gelten, als einzige Lehrerin mit einer Zuwanderungsgeschichte. Durmaz hat ihr Leben, ihren Alltag aufgeschrieben. Ein mitreißendes, authentisches Stück gelebter Integration. Beispielhaft. - Durmaz - heißt übersetzt: Die, die nicht stehen bleibt

Herder Verlag, spektrum, 224 Seiten

Buchtipp: Ich träume deutsch und wache türkisch auf

migmag-Buchtipp Migration und Migranten: Nilgün Tasman, Ich träume deutsch und wache türkisch auf


Nilgün Tasman,  "Ich träume deutsch und wache türkisch auf"
Einmal nur an Weihnachten eine Gans mit Knödeln und duftendem Rotkraut essen dürfen wie die Deutschen! Traurig schleicht sich die kleine Nilgün aus der Küche der Nachbarsfamilie Schäufele nach Hause, wo eine gut gemeinte Überraschung auf sie wartet. Aber der Vogel, den die Anne (türkisch für "Mutter") gekauft hat, liegt "zerhackstückt mit Hunderten von Knoblauchzehen" im Ofen: "Eine blöde Türkengans", wie die zornige Tochter findet.

"Als Kind hätte ich mir gewünscht, dass es keine Türken gibt, keine Italiener und auch keine Deutschen", sagte Nilgün Tasman, 1968 in Istanbul geboren, jüngst bei einer Lesung. "Ich träume deutsch" heißen die Kindheitserinnerungen der in Göppingen und Anatolien aufgewachsenen Autorin. "Mädchen werden als Bräute geboren", mit diesem Satz wird sie groß. Doch Nilgün sehnt sich nach Freiheit und sie nimmt sie sich, wo sie kann: das Beste aus dem türkischen und dem deutschen Leben.
Sie kennt die Tradition ihrer Großmutter Babaane und entdeckt zugleich die vielfältigen Möglichkeiten der deutschen Lebensweise. Sie fühlt die Zerrissenheit ihrer Eltern zwischen den beiden Ländern und versöhnt sie. Sie erlebt hautnah, was es heißt, Wurzeln und gleichzeitig Flügel zu haben - Flügel, die ihr wachsen, um die vielen Hindernisse auf ihrem Weg zu überwinden.

Nilgün Tasman hat es geschafft: Nach dem Realschulabschluss folgt eine Friseurlehre, die Meisterprüfung und später das Studium der Psychologie. Sie lebt mit ihrem Mann, einem, wie sie sagt, "weltoffenen Schwaben" und vier Kindern in Stuttgart.

Herder Verlag, August 2008, 176 Seiten

Buchtipp: Nach Hause schwimmen

migmag Buchtipp Migration und Migranten: Rolf Lappert - Nach Hause schwimmen


Rolf Lappert, "Nach Hause schwimmen"
Wilbur, gerade mal 1,50 Meter groß, ist wirklich kein Glückskind: Seine irische Mutter stirbt bei der Geburt, sein schwedischer Vater macht sich aus dem Staub, und sein erstes Zuhause ist der Brutkasten. Erst als seine Großeltern ihn nach Irland holen, erfährt er, was Heimat ist. Doch das Glück währt nicht lang: Sein bester Freund kommt in die Erziehungsanstalt, und seine Großmutter Orla stirbt bei einem Unfall. Auch wenn er gern so stark wäre wie Bruce Willis: Er ist und bleibt ein Verlierer. Erst die charmante Aimee bringt ihm etwas anderes bei: Wilbur muss lernen zu leben - sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen, statt davonzulaufen und sich umbringen zu wollen. Erst im Lauf der Zeit gelingt es ihm, sich von den Schatten der Vergangenheit zu befreien. Rolf Lappert verfolgt den Lebensweg des Protagonisten von der Geburt bis zum 20. Lebensjahr, von 1980 bis 2000. Die Geschichte spielt an der Ostküste der USA, in Irland und Schweden und "wimmelt von vielschichtigen Charakteren, die ihr Leben allesamt nicht besonders gut im Griff haben und gerade deshalb menschlich wirken." (Meike Fessmann, Süddeutsche Zeitung, 15.03.2008).

Auszeichnungen:
Schweizer Buchpreis 2008

Ein toller, teils skurriler und tragikomischer Entwicklungsroman über einen hinreißend spannenden und großen Menschen
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Deutscher Taschenbuch Verlag,  Dezember 2009, 608 Seiten

Buchtipp: Meine weißen Nächte

migmag Buchtipp Migration, Integration in Deutschland und Migranten: Lena Gorelik - Meine weissen Nächte


Lena Gorelik, "Meine weißen Nächte"
In ihrem unglaublich komischen, leise melancholischen Debütroman erzählt die in Deutschland lebende Russin Lena Gorelik von den Irrungen und Wirrungen einer jungen Frau, die eigentlich damit ausgelastet wäre, sich zwischen ihrem Freund und ihrem Ex-Freund zu entscheiden - aber immer wieder von ihrer russischen Familie auf den Boden der Tatsachen geholt wird.
Was tun, wenn man eine sehr emotionale, sehr russische Mutter hat, die mindestens einmal täglich anruft, um sich zu erkundigen, ob man auch genug gegessen habe? Wenn man eine wunderbare, aber schrecklich vergessliche Großmutter hat, die nur in ihrer Sankt Petersburger Vergangenheit lebt?
Als eines Tages ihr Ex-Freund auftaucht und ihr einen Job in einem russischen Reisebüro vermittelt, wird sie schon wieder mit ihrer Herkunft konfrontiert. Und die Erinnerungen an ihre russische Kindheit, wo Kartoffeln mit Hering zum Frühstück der Inbegriff von Glück bedeutete, und später an das deutsche Wohnheim, wo die Tiefkühlpizza in Ermangelung eines Ofens auf dem Herd aufgewärmt wurde, sind wieder da.
Mit einer doppelten Identität zu leben, erschöpft sich ganz offensichtlich nicht darin, seinen deutschen Freunden zu erklären, dass Puschkin nicht nur ein Wodka, sondern auch ein Dichter war.

Auszeichnungen:
Bayerischer Kunstförderpreis 2005 in der Sparte Literatur

"Man erhält ein prägnantes Bild von Jugend und Familie in der Fremde, in der man sich bei ein wenig Glück selber erkennt."  Neue Zürcher Zeitung

Roman Umschlagillustration: unter Verwendung eines Photos (1999) von Bettina Rheims. © Bettina Rheims 1999, 288 Seiten

Buchtipp: Meine Heimat Europa

migmag Buchtipp Migration Integration in Deutschland und Migranten: Alfred Biolek - Meine Heimat Europa


Alfred Biolek, Nahuel Lopez, "Meine Heimat Europa"
Begleitet von dem Journalisten Nahuel Lopez besucht Alfred Biolek seine Lieblingsstädte und Orte, die für sein Leben wichtig waren.
Das Hotel "Regina" in Wien zum Beispiel, wo er mit seinen Eltern gewohnt hat, oder das "Banana Café" in Paris, in dem er als junger Mann die Nächte durchfeierte. Überall trifft er auf alte Weggefährten, unterhält sich mit Fremden oder begeistert sich für ein gutes Glas Wein. Der Leser wird zum Reisegefährten eines lebenslustigen Weltenbummlers und leidenschaftlichen Europäers.

"Alfred Bioleks Buch ist ein wunderbares Bekenntnis zu Europa. Seine Notizen nehmen uns mit auf Entdeckungstour durch die europäischen Metropolen. Sie zeigen uns, wie wichtig persönliche Erfahrungen und Begegnungen sind. Offenheit, Neugier, die Freude auf Unerwartetes sind dabei ebenso typisch für ‚Bio' wie seine Fähigkeit, das Erlebte überaus unterhaltsam zu beschreiben.

"Ein lesenswertes Reisetagebuch vom Grandseigneur des Deutschen Fernsehens." (Klaus Wowereit)

Gütersloher Verlagshaus, April 2010, 233 Seiten

Buchtipp: Atemschaukel

migmag Buchtipp Migration Integration in Deutschland und Migranten: Herta Müller - Atemschaukel


Herta Müller, "Atemschaukel"
Rumänien 1945: Der Zweite Weltkrieg ist zu Ende. Die deutsche Bevölkerung lebt in Angst. "Es war 3 Uhr in der Nacht zum 15. Januar 1945, als die Patrouille mich holte. Die Kälte zog an, es waren -15º C." So beginnt ein junger Mann den Bericht über seine Deportation in ein Lager nach Russland. Anhand seines Lebens erzählt Herta Müller von dem Schicksal der deutschen Bevölkerung in Siebenbürgen. In Gesprächen mit dem Lyriker Oskar Pastior und anderen Überlebenden hat sie den Stoff gesammelt, den sie nun zu einem großen neuen Roman geformt hat. Ihr gelingt es, die Verfolgung Rumäniendeutscher unter Stalin in einer zutiefst individuellen Geschichte sichtbar zu machen.

Herta Müller erhielt 2009 den Literatur Nobelpreis.


Herta Müller, die mit ihren rumäniendeutschen Landsleuten oft hart ins Gericht ging und nicht verhehlte, dass auch viele Sachsen und Schwaben unheilvoll in den Nationalsozialismus verstrickt waren, hat es nun auf sich genommen, denen eine Stimme zu geben, über deren Schicksal so lange und so gründlich geschwiegen wurde. (Süddeutsche Zeitung)

Hanser Verlag 17.08.2009, 304 Seiten

Buchtipp: Das schönste deutsche Wort

migmag Buchtipp Migration Integration in Deutschland und Migranten: Jutta Limbach - Das schönste deutsche Wort


Jutta Limbach (Hg.), "Das schönste deutsche Wort"
Pusteblume, Augenstern, Wonneproppen, Kulturbeutel oder trödeln - im Deutschen gibt es viele wunderbare Wörter. Aber welches ist das schönste? Und warum? Kaum hatten der Deutsche Sprachrat und das Goethe-Institut diese Frage gestellt und einen Wettbewerb ausgeschrieben, wurden sie von Vorschlägen aus Deutschland und der Welt überschwemmt.

In diesem Buch werden die allerschönsten Wörter samt den originellen, poetischen, herzerwärmenden Begründungen ihrer Fürsprecher vorgestellt, - von der Poesie der Pampelmuse, über die Komik der Kichererbse, bis hin zum Zauber der Zweisamkeit - ein wunderbarer Schmökerspaß. Theresa Abad aus Spanien zum Beispiel, erklärt das "Fernweh" zu ihrem "schönsten deutschen Wort" und erläutert dazu: " [...] es erklärt den Schmerz, den man manchmal fühlt und für den es kein spanisches Wort gibt. Die Gewissheit, die uns manchmal kommt, einfach weit weg von zu Hause zu sein, andere Sprachen, andere Kulturen, andere Fremden kennen lernen. Einfach weg und so "fern" wie möglich. Es ist fast eine Notwendigkeit, aber auf Spanisch ist es fast unmöglich, so was mitzuteilen."

Die deutsche Sprache zu Gast bei Freunden: Sprachliebhaber aus 112 Ländern, darunter viele bekannte Autoren, schreiben über ihre Lieblingswörter - eine unterhaltsame Entdeckungsreise in die Welt deutscher Wörter
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Jutta Limbach (Hg.), "Das schönste deutsche Wort: Liebeserklärungen an die deutsche Sprache" HERDER Verlag, Oktober 2006, 160 Seiten

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