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Filmtipps der migmag-Redaktion
Migration und Integration in Deutschland, Migranten und Migrationshintergrund

Filme sind Teil einer audiovisuellen Kultur, die von allen angeschaut werden können. Der Direktor des Moskauer Museikinos, Naum Kleimann, nennt dies "mit dem Film die Zeit berühren...". Bewegte Bilder bringen Empfindungen der Menschen zum Ausdruck, zeigen Vergangenheit und offenbaren Gegenwart und Zukunft - mit all ihrer Schönheit, ihren Ängsten und Träumen. Migmag empfiehlt Filme, die weit über den Moment hinaus bleiben.


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Filmtipp: Transnationalmannschaft

Transnationalmannschaft

Projektorfilm - Regie Philipp Kohl

Wir Ausländer von Deutschland haben zwei Heimaten.
Einmal Vaterland und einmal Geborenland.

Mücahit

Das Mannheimer Stadtviertel Jungbusch mit einem Migrantenanteil von über 60% zur Zeit der Fußball-WM 2010: Die Einwohner unterschiedlichster Herkunft erzählen, was ihnen im Leben wichtig ist und warum ihr Multikulti-Mikrokosmos im Herzen Deutschlands tatsächlich funktioniert. Sie heißen Mustafa, Bashir oder Saki und haben türkische, afghanische oder griechische Wurzeln, sind aber vor allem eins: Jungbuschler. Was sie bewegt, ist die Liebe zu ihrem Viertel, die alle kulturellen Barrieren überbrückt. Heimat ist manchmal eben kein Land, sondern das Stadtviertel, in dem man lebt und sich wohl fühlt.

TRANSNATIONALMANNSCHAFT
ist ein Heimatfilm, der den heutigen Realitäten in deutschen Großstädten gerecht wird und Mut zu einem guten Miteinander macht. Denn es gibt sie, die Antwort auf die Migrationsdebatte und auf die Frage "Was bedeutet es eigentlich, deutsch zu sein?" Es gibt ihn, den Gegenentwurf zu Thilo Sarrazins schwarzseherischer Integrationskritik in seinem vieldiskutierten Buch "Deutschland schafft sich ab". Eine neue, positive Perspektive auf Deutschland und seine "Ausländer".

In seinem Erstlingswerk TRANSNATIONALMANNSCHAFT
greift der Ethnologe Philipp Kohl eine Thematik auf, die Deutschland in den letzten Jahren immer heftiger bewegt. 2006 geriet die Berliner Rütli-Schule in die Schlagzeilen, weil die Gewalt durch Schüler mit Migrationshintergrund für die Lehrer untragbar wurde. 2008 demonstrierten im Kölner Stadtteil Kalk junge Migranten für mehr Respekt und Gerechtigkeit. 2010 flammt die Migrationsdebatte mit Thilo Sarazzins Thesen erneut auf. Derzeit leben mehr als 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Der Film stellt sich einer bundesdeutschen Realität und zeigt eine Perspektive, die bisher in den Medien nicht sichtbar war.

94 Min., Deutschland 2010, Regie Philipp Kohl, Drehbuch Philipp Kohl, Kamera Peter Kozana, Schnitt Ute Schick, Ton Alexander Theodossiadis  Musik Philipp Kohl

Der Trailer zum Film
http://transnationalmannschaft.de/




Filmtipp: Mein Herz sieht die Welt schwarz

Mein Herz sieht die Welt schwarz

Dokumentation - Regie: Helga Reidemeister


Die Regisseurin Helga Reidemeister hat vor zwei Jahren in Kabul die schwierige Liebe zwischen Hossein und Shaima dokumentiert. Seitdem unterstützt die Filmemacherin das Paar.
Hossein und Shaima kennen sich seit ihrer Kindheit. Aus Armut wurde er Talib, nun ist er, von Granatsplittern verwundet, querschnittgelähmt. Sie wurde vom Vater an einen vierzig Jahre älteren Mann vergeben. Weil der die Hälfte des Brautgeldes schuldig blieb, holte ihr Vater sie zurück. Ehebruch ist in Afghanistan eine Straftat, Shaima besucht Hossein trotzdem. Über die rationalen Argumente ihrer Eltern stellen die beiden die Liebe.
Die Filmemacherin Helga Reidemeister sagt, in ihrer Dokumentation Mein Herz sieht die Welt
schwarz, die die Liebenden porträtiert, gehe es nicht um Sensationen. Sie möchte Lebenswelten dokumentieren. Dabei ist genau das die Sensation: In einem Land, das wir nur mit heruntergelassenem Visier sehen, findet der Film Bilder großer Nähe. Nach dem Dreh gab Reidemeister ihre Preisgelder für Shaimas und Hosseins Liebe. Eineinhalb Jahre dauerte es, bis die Richter Shaimas Scheidungsurkunde unterschrieben. Ihr Vater sagte, dass er sie nicht erneut gegen ihren Willen verheiraten werde, und bekam einen gebrauchten Transporter. Die Gelder vom Asiatica Festival in Rom sind nun auf dem Weg zu Hosseins Mutter.

Ein Happy End ist nicht in Sicht. Shaimas jüngere Schwester wurde von ihrem Vater nach Pakistan verkauft. Aus Trauer darüber verließ die Mutter die Familie. Shaima und Hossein können sich nur heimlich treffen, sie hat Hausverbot bei seiner Familie. Reidemeister wird für ein neues Filmprojekt nach Kabul reisen. Wenn der Flieger geht, sind im Gepäck Gastgeschenke für die Liebenden dabei.

Catharina Koller, 2.5. 2011 in DIE ZEIT

Deutschland 2009; Regie: Helga Reidemeister; Darsteller: Shaima, Hossein, Jamila, Shamal Bibi, Roheila, Sabernessa, Naquib, Hamid, Agaphan; FSK: ohne Altersbeschränkung; Fassung: O.m.d.U.; Länge: 87 Minuten

Filmtipp: Un homme qui crie

Un homme qui crie

Drama - Frankreich/Belgien/Tschad 2010, mit: Youssouf Djaoro, Dioucounda Koma, Emile Abossolo M'boRegie: Mahamat-Saleh Haroun


Der 55-jährige Adam (Youssouf Dyaoro) war in jungen Jahren nationaler Schwimmmeister, weswegen er von seinen Kollegen noch heute nur "Champ" genannt wird. Inzwischen arbeitet er in einem Hotel in D'Djamena, der Hauptstadt des Tschads. An seiner Seite arbeitet sein 20-jähriger Sohn Abdel (Diouc Koma). Als jedoch das Hotel die Besitzer wechselt und die neuen Bosse der Ansicht sind, dass zwei Bademeister einer zuviel sind, wird Adam gezwungen, den Job, den er liebt, aufzugeben und ihn Abdel zu überlassen. Stattdessen muss er sich nun in eine lächerliche Uniform zwängen und sich im Hotel als Parkplatzwächter betätigen.
Währenddessen tobt im Land ein Bürgerkrieg. Die Behörden verordnen, dass die Bevölkerung finanzielle Unterstützung für Freiwillige leisten muss, die die Rebellen bekämpfen. Der lokale Quartierchef (Emil Abossolo M'Bo) drängt Adam, seinen Beitrag zu leisten. Doch Adam hat keinen Penny. Das einzige, was er hat, ist sein Sohn. So trifft er eine folgenschwere Entscheidung...

"Für Un homme qui crie wurde Mahamat-Saleh Faroun mit dem Preis der Jury in Cannes 2010 ausgezeichnet. 2011 erhielt er für seinen Film außerdem den Lumière-Preis als bester französischsprachiger Film außerhalb Frankreichs. Zu Recht. Er zeigt darin, wie man eine einfache Geschichte zeitlos und berührend erzählen kann" Fokke Joel, DIE ZEIT


Der Trailer zum Film (frz.)


Filmtipp: Barzakh

Barzakh
Regisseur Mantas Kvedaravicius

Der finnisch-litauische Film "Barzakh" erhält in diesem Jahr den Berlinale-Preis der Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Zur Begründung erklärten die Juroren am Samstag, der Film beobachte nicht aus der Distanz, sondern er schaffe Nähe. "Wer diesen Film sieht, ist in Tschetschenien", so die Amnesty-Jury. Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert. ??"Barzakh" von Regisseur Mantas Kvedaravicius ist ein Dokumentarfilm, in dem es um Folter und das Verschwinden von Menschen in dem vom Krieg heimgesuchten Tschetschenien geht. "Barzakh nennen Tschetschenen einen Ort, der der Legende zufolge zwischen Leben und Tod liegt. Der Film zeigt eindringlich die lähmende Ungewissheit und den Schmerz der Wartenden, deren Leben still steht", erklärten die Jury-Mitglieder, die Schauspielerin Juliane Köhler, der Regisseur Hans-Christian Schmid und Amnesty-Generalsekretärin Monika Lüke. ??Der Film sei ohne Genehmigung und unter hohem persönlichen Risiko gedreht worden, betonte Köhler. "Deswegen verdient das Team von Barzakh den Amnesty-Filmpreis."

Trailer


Filmtipp: Kick in Iran

Kick in Iran

Genre: Dokumentarfilm, 2009 Regie: Fatima Abdollahyan, website: www.kickiniran.com

Sara Khoshjamal hat geschafft, was bisher noch keiner anderen Frau vor ihr gelungen ist: Die 20-Jährige ist die erste Sportlerin aus dem Iran, die sich jemals in der Geschichte des iranischen Frauensports für die Olympischen Spiele qualifizieren konnte. Ihre Disziplin ist Taekwondo. Ein großer persönlicher Erfolg für die junge Muslima und ihre Trainerin Maryam Azarmehr. Aber auch ein wichtiger Schritt für alle Frauen, die im Iran für Gleichberechtigung und mehr Freiheit kämpfen.?"Kick in Iran" begleitet Sara und ihre Trainerin über einen Zeitraum von neun Monaten auf ihrem steinigen Weg zur Olympiade 2008 in Peking. Im Mittelpunkt steht dabei der unerschütterliche Glaube der jungen Frau an sich selbst; der Wunsch "es zu schaffen", trotz erschwerender religiöser Bekleidungsvorschriften und dem Druck der iranischen Gesellschaft, die von Frauen in ihrem Alter eher die Suche nach einem geeigneten Ehemann als eine Sportlerkarriere erwartet. ?Regisseurin Fatima Abdollahyan hat für ihr Langfilmdebüt "Kick in Iran", das gleichzeitig auch ihr Abschlussfilm an der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) München ist, den Gerd Ruge Preis der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen erhalten.
Der Film wurde von brave new work in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk und dem Westdeutschen Rundfunk produziert. Gefördert hat der FilmFernsehFonds Bayern und die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein.

Der Dokumentarfilm "Kick in Iran" von HFF-Absolventin Fatima Abdollahyan lief  2010 im Wettbewerb des 21. Sundance Filmfestival in den USA.


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Filmtipp: In einer besseren Welt


In einer besseren Welt


Anton lebt den Spagat zwischen zwei Welten: Mehrere Monate im Jahr rettet er als idealistischer Arzt Menschenleben in Afrika. Zuhause, in der Idylle der dänischen Provinz, muss er sich als Vater und Ehemann den Herausforderungen des Familienalltags stellen. Als die innige Freundschaft seines Sohns zu seinem Schulkameraden eine lebensgefährliche Wendung nimmt, steht Anton vor der Frage: Wie stark ist sein Glaube an die Gerechtigkeit?

"Mit erstklassigen Schauspielern und in atemberaubend klaren, sinnlichen Bildern untersucht Bier die komplexen Mechanismen der Gewalt, zeigt die persönliche Fragilität, aber auch die Monstrosität der Täter und entwickelt in der dynamisch erzählten Geschichte eine dramatische Wucht und analytische Schärfe, die man höchst selten in einem Film erlebt. So kann, so soll Kino sein: intelligent, spannend, und aufrichtig interessiert am Zustand der Welt. Meisterhaft."
Martin Schwickert, tagesspiegel

Ausgezeichnet im Jahr 2011 mit dem Oscar für den besten ausländischen Film.

DK/S 2010, 117 Min., Regie: Susanne Bier, D: Mikael Persbrandt, Trine Dyrholm, Ulrich Thomsen

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Filmtipp: THE GREEN WAVE


Ali Samadi Ahadi:  The Green Wave


Im Juli 2009 gehen Tausende Menschen in Teheran auf die Straße. In ihren Händen halten sie grüne Tücher und Fahnen - als Symbol der Hoffnung auf einen politischen Wandel. Doch das Regime unter Mahmud Ahmadineschad geht mit Gewalt gegen die friedliche Revolution vor. Ali Samadi Ahadi taucht mit seinem Film "The Green Wave" tief ein in die Atmosphäre dieses Sommers.

Die Farbe Grün
ist im Iran des Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad Ausdruck des politischen Protests gegen Wahlmanipulation und Gesinnungsterror. Der ultrakonservative Populist konnte sich im Juni des Jahres 2009 nur durch einen offensichtlichen Wahlbetrug an der Macht halten. Sein "unterlegener" Gegenkandidat Mir Hossein Mussawi wurde zur Symbol­figur der sogenannten "Grünen Revolution", die vom Mullah-Regime mit brutalsten Mitteln unterdrückt wird. Der in Deutschland lebende Exil-Iraner Ali Samadi Ahadi ("Salami Aleikum") richtet in seiner Dokumentation "The Green Wave" den Blick auf den verhinderten Aufbruch in die Demokratie.

Ahadi konnte natürlich nicht in den Iran einreisen und behalf sich aus der Ferne mit den Mitteln der modernen Kommunika­tionsmedien. Er sammelte Blogs, Twittereinträge und Handybilder, die während der Unruhen ins Ausland drangen, und fertigt aus ihnen ein puzzlehaftes Fanal gegen die Unterdrückung der Menschenrechte im Iran. Im Zentrum stehen Erfahrungsberichte von Opfern der staatlichen Repression, die Ahadi in einem reduzierten Motion-Comic­stil bebildert, der an die eindringlichen Bilder des animierten Dokumentarfilms "Waltz with Bashir" erinnert. "The Green Wave" versteht sich als Aufruf zur Solidarität, aber auch als Warnung an alle Diktatoren, die sich der Illusion hingeben, der Keim der Freiheit könne mit Stiefeln niedergetrampelt werden. Was gestern in Tunesien geschah, kann sich morgen wiederholen. Im Iran und anderswo.

Mehr lesen: 3sat 21.01.2011 / Sönje Storm (Kulturzeit) / tm/se




Filmtipp: Der Kreis


Jafar Panahi: Der Kreis


Acht exemplarische Geschichten, die vom alltäglichen Schicksal der entrechteten Frauen im Iran Zeugnis geben. Am Anfang steht die Geburt eines Kindes. Kein erfreuliches Ereignis für die Familie, denn statt des erhofften Stammhalters hat die Mutter ein Mädchen auf die Welt gebracht.
In seinem Film präsentiert Jafar Panahi formal überzeugend mit halb dokumentarischer Kamera mehrere dramaturgisch geschickt verwobene Geschichten, die ein umfassendes Bild der entrechteten Frau im Iran ergeben. "Der Kreis", an der iranischen Zensur vorbei geschmuggelt, ist der erste iranische Film in dem Prostitution thematisiert wird - die im Land offiziell allerdings gar nicht existiert. Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft gelegentlich auftretender Männer, vom Ticketverkäufer bis zum Polizisten, lässt Panahis mutigen Einblick in die Parallelwelt der unterdrückten Frauen im Iran noch gespenstischer erscheinen. Sein Film bietet keine Lösungen, keine Auswege, er verteidigt oder verurteilt nicht. Auf die Frage, wie Panahi selbst die Botschaft seines Werks resümieren würde, antwortete der Regisseur: "Wenn ich das in irgendeiner Sprache wirklich zusammenfassen könnte, dann hätte ich keinen Film gemacht. Ich bin Filmemacher, ich versuche das auszudrücken, was ich sehe. Es ist nicht meine Aufgabe, Lösungen zu finden."

Nachdem Panahis Spielfilmdebüt "Der weiße Ballon" (Badkonake Sefid, 1995) mit der Camera d'Or des Filmfestivals von Cannes ausgezeichnet wurde, erhielt sein zweiter Film "Der Spiegel" (Ayeneh, 1997) den Goldenen Leoparden des Filmfestivals von Locarno. Sein drittes Projekt, "Der Kreis", brachte dem iranischen Regisseur allein im Rahmen der Filmfestspiele von Venedig 2000 fünf Preise ein, unter anderem den Goldenen Löwen und den Fipresci-Preis als bester Film. 2006 wurde Panahi auf der Berlinale mit dem silbernen Bären für seinen Film "Offside" geehrt.

Im Dezember 2010 wurde Panahi zu sechs Jahren Haft und 20 Jahren Berufsverbot wegen angeblicher "Propaganda" verurteilt.

Der Kreis (Iran, Italien, Schweiz, 2000, 85mn)
Regie: Jafar Panahi
Kamera: Bahram Badakshani
Schnitt: Jafar Panahi
Autor: Kambuzia Partovi
Produktion: Jafar Panahi Film Productions, Lumière & Company, Mikado Film S.r.l., Mikado Lumiere & Co

Filmtipp: ALMANYA - Willkommen in Deutschland

Yasemin Samdereli: ALMANYA - Willkommen in Deutschland

Eines schönen Abends überrumpelt Hüseyin bei einem großen Familientreffen seine Lieben mit der Nachricht, er habe in der Türkei ein Haus gekauft und wolle nun mit ihnen zusammen in ihre alte Heimat fahren. Da stellt sich allerdings für den einen oder anderen die Frage, wo eigentlich seine Heimat ist. Geschrieben und verfilmt wurde die Geschichte mit autobiographischen Anklängen von den Schwestern Yasemin und Nesrin Samdereli, die beide schon sehr erfolgreich in der deutschen Filmlandschaft unterwegs sind. Ihr Kinodebüt "Almanya" ist das ausgelassene Gegenmittel zur verbittert geführten Sarrazin-Debatte. Schon deshalb, weil ausnahmsweise aus der Perspektive der anderen Seite erzählt wird. Die Schwestern führen vor, was Anatolier in den Sechzigern von Deutschland dachten: Dort ist es kalt, dreckig, die Menschen haben Krankheiten, sprechen ein unverständliches Kauderwelsch (was sie hier tatsächlich zeitweilig tun), und außerdem essen sie in der Kirche das Fleisch eines Mannes, den sie zuvor ans Kreuz genagelt haben. Unter deutscher Leitkultur verstehen die türkischen Einwanderer bald schon Schützenverein und Mallorca-Urlaub.

Mit: Aylin Tezel, Kaan Aydogdu, Arnd Schimkat
Regie: Yasemin Samdereli
Drehbuch: Nesrin Samdereli, Yasemin Samdereli
Kamera: Chau The Ngo
Verleih: Concorde Länge, 97 Min.

Filmtipp: PERSEPOLIS


Marjane Satrapi, Vincent Paronnaud - Persepolis


Ein abenteuerliches Leben
Endlich mal wieder Schwarz-Weiß: Mit ihrem Animationsfilm Persepolis erwecken Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud ein vernachlässigtes Stilmittel zu neuem Leben. Und zwar ganz ohne Schwarz-Weiß-Malerei. Denn inhaltlich ist die abenteuerliche Geschichte eines jungen Mädchens aus dem Iran ein vielschichtiges, Realismus und Poesie verbindendes Werk.

Dabei hätte die Regisseurin und Comic-Autorin Satrapi allen Grund gehabt, die Guten ausschließlich gut und die Bösen ausschließlich böse zu zeichnen. Zwei Mal musste sie ihre iranische Heimat verlassen. Das erste Mal im Alter von 14 Jahren. Das zweite Mal, als junge Studentin, ohne Aussicht auf Rückkehr. Zumindest solange die islamistisch-fundamentalistischen Verhältnisse andauern wie seit mittlerweile 28 Jahren.

Vielleicht ist das die größte Leistung dieses sehenswerten Films: Dass er Vertreibung, Unterdrückung und Unrecht auf eine Weise thematisiert, die der eindimensionalen Haltung der Moralapostel das Entscheidende voraushat, nämlich das Leben in seiner ganzen widersprüchlichen Fülle. Und dass er die Buntheit der Welt auf wundersame Weise gerade in seiner Schwarz-Weiß-
Ästhetik sichtbar macht. (Peter Gutting)

Persepolis
, Produktionsjahr: 2007, Länge: 95 Min.

Filmtipp: WALTZ WITH BASHIR


WALTZ WITH BASHIR

Eines Nachts in einer Bar
erzählt ein alter Freund dem Regisseur Ari von einem immer wiederkehrenden Alptraum, in dem er von 26 dämonischen Hunden gejagt wird. Jede Nacht, immer genau 26 Bestien. Die beiden Männer kommen zu dem Schluss, dass ein Zusammenhang zu ihrem Einsatz im ersten Libanon Krieg bestehen muss. Ari ist überrascht, denn er hat jegliche Erinnerung an diese Zeit verloren. Verstört macht er sich auf, Freunde und Kameraden von damals zu besuchen und zu befragen. Er muss die Wahrheit über jene Zeit und über sich selbst herausfinden. Je tiefer Ari in seine Vergangenheit eindringt, desto klarer werden seine Gedanken und die verdrängten Erlebnisse erscheinen in surrealen Bildern...

Basierend auf realen Interviews und Ereignissen, ist WALTZ WITH BASHIR der erste animierte Dokumentarfilm in Spielfilmlänge. Regisseur, Autor und Produzent Ari Folman hat die Reise in seine Vergangenheit - eine Reise in die Jugendkultur der 80er Jahre und das West Beirut während des ersten Libanonkrieges - auf fantastische und packende Art visualisiert. Die israelisch-deutsch-französische Koproduktion gilt seit ihrer Weltpremiere im Wettbewerb der Filmfestspiele in Cannes und weiteren Festivalaufführungen als das wohl außergewöhnlichste Kinoereignis in 2008.

Regisseur ARI FOLMA, 2008, auch auf DVD


Filmtipp: BAL

Vom Verlust der Kindheit

"Bal" - der Gewinner des Goldenen Bären bei der Berlinale 2010


In einer Rezension des "Tübinger Tagblatts" heißt es viel versprechend, "Bal" (Honig) sei eine "ebenso poetische wie wunderbar geerdete Filmerzählung vom Verlust der Kindheit". Sie spielt in der Provinz Rize im Nordosten der Türkei und huldigt deren gewaltiger Natur.
Der türkische Regisseur Semih Kaplanoglu überlässt den Zuschauer, beinahe dokumentarisch, den Geräuschen und Bewegungen eines urwüchsigen Waldes. Yakup, der Imker, wirkt sehr klein, als er seinen Maulesel zwischen den Baumriesen hindurchführt und seinem sechsjährigen Sohn Yusuf erzählt, dass die schwanzlose Bärin ein Junges bekommen hat. Für den Jungen ist der Vater der einzige Mensch, dem er wirklich vertraut. Jeden Morgen liest dieser ihm den Tagesspruch aus dem Kalender vor, bestimmt für beide den Anfang des neuen Tages. Die genau komponierten, ruhigen Einstellungen laden dazu ein, sich wie der Junge in die Dinge zu versenken, die ihn umgeben: das großzügige alte Holzhaus mit der spektakulären Aussicht, dessen Scheune und Werkstatt, wo Yusuf die Gerätschaften des Vaters wie Stilleben betrachtet, die Maulesel und Hühner.
Eine gewisse Fremdheit umgibt Yusuf im Schulzimmer, wo der scheue Junge auf einmal beim Vorlesen stottert und sich auch sonst schwer tut, Anerkennung zu bekommen, die er sich eigentlich wünscht.

Für Yakup gewähren die dicht bewaldeten Berghänge der türkischen Schwarzmeerregion nur einen kargen Lebensunterhalt als Bienenzüchter. Es ist gefährlich in den hohen Baumkronen Bienenstöcke anzubringen. So hält der Film von der Eingangssequenz an eine prekäre Spannung, weil man nicht weiß, ob das Seil, mit dem sich der Vater sichern will, ihn auch halten wird. Als die Bienen die Gegend verlassen, ist Yakup gezwungen, in entlegeneren Gebirgsregionen nach Honig zu suchen. Nachdem sein Vater mit dem Esel aufgebrochen ist, stellt Yusuf das Sprechen gänzlich ein. Seine Verschlossenheit lässt seine Mutter, Zehra, die auf den Teefeldern arbeitet, ratlos zurück. Als Yakup nach mehreren Tagen nicht zurückkommt, machen Mutter und Sohn sich auf die Suche nach dem verschwundenen Vater...

BAL
, ein Film von Semih Kaplanoglu, mit Bora Altas, Erdal Besikcioglu, Tülin Özen, Alev Ucarer und Ayse Altay. Eine ARTE Koproduktion.

Filmtipp: SOUL KITCHEN

Heimat in einer unberechenbaren Welt

SOUL KITCHEN
ist ein Heimatfilm der neuen Art: Die Welt ist nicht mehr so heil und das Dorf ist ein Restaurant, der Regisseur heißt Fatih Akin und vor der Kamera versammelt er ein ,Best Of' aus seinen früheren Filmen - Adam Bousdoukos, Moritz Bleibtreu und Birol Ünel. Es geht um Familie und Freunde, um Liebe, Vertrauen und Loyalität - und um den Kampf für die Heimat als einen Ort, den es in einer zunehmend unberechenbaren Welt zu schützen gilt.

SOUL KITCHEN
, Fatih Akin (2009), mit Adam Bousdoukos, Moritz Bleibtreu, Birol Ünel u.a., 99 Min., FSK: ab 12; Alive - Vertrieb und Marketing (DVD, 25.08.2010)

Filmtipp: AM ENDE DES MEERES

Die Zärtlichkeit zweier Außenseiter

AM ENDE DES MEERES. Triest, Hauptstadt des Nirgendwo: Hier lebt und arbeitet Tudor. Zwischen den Mündungen unterschiedlicher Kulturen, Sprachen und Welten verdient er seinen armseligen Lebensunterhalt mit Zigarettenschmuggel auf dem Meer. Bei einer Warenübergabe zwischen den "Fischerbooten" entdeckt er in einer äußerst widerwillig angenommenen Kiste eine misshandelte und betäubte junge Frau - Ware für den Prostitutionsmarkt. Statt sie auszuliefern, bringt er die blinde Passagierin in seine Wohnung, um sich um sie zu kümmern. Er wäscht und verarztet sie mit einer Zärtlichkeit, der auch ihre angsterfüllten Wut- und Gewaltausbrüche nichts anhaben können. Nach und nach nähern sich die beiden Außenseiter einander an: Zwischen Nilofar, die aus dem Iran geschmuggelt wurde, und Tudor, der unter den Schrecken der Kriege in Jugoslawien leidet, entzündet sich eine zarte Liebe.

AM ENDE DES MEERES
(D, F, SL, 2006, 103mn) ZDF, Regie: Nora Hoppe?Kamera: Rimvydas Leipus, Musik: Peyman Yazdanian: Diana Dobreva (Nilofar), Produktion: Flying Moon Filmproduktion GmbH, Revolver S.R.L., Unlimited S.A.

Filmtipp: KEIN ORT

Vier Familien auf Asylsuche

KEIN ORT. Sie wurden gefoltert, überlebten eine Exekution oder wurden von Schleppern betrogen: vier Flüchtlingsfamilien des in Europa verdrängten Tschetschenien-Konflikts, die versuchen, in die EU zu gelangen und dort Asyl zu erhalten. Ein Jahr lang begleitet der Film die vier Familien und zeigt die dramatischen Auswirkungen der strikten Asylpolitik auf die Flüchtlinge.

Der tschetschenische Journalist Ali wartet mit seiner Familie in Polen auf eine Entscheidung über seinen Asylantrag. Er ist in seiner Heimat gefoltert worden und kann nicht zurück. Tamara und Ali haben es bis Wien geschafft, doch nun sind sie von einer Abschiebung bedroht. Sie befürchten, dass ihre behinderte Tochter eine Ausweisung oder gar die Rückführung nicht verkraften würde. Wacha, ein ehemaliger tschetschenischer Untergrundoffizier, der eine Exekution knapp überlebte, ist ebenfalls in Wien und inzwischen mit einer Österreicherin verheiratet. Er kämpft um seinen Sohn, der aus der russischen Armee desertiert und in Litauen aufgegriffen worden ist, wo ihm ebenfalls die Abschiebung droht. Urslan schließlich ist auf der Flucht von Schleppern betrogen worden und lebt illegal mit seiner Familie in der Ukraine, wo ihm der Aufenthalt verwehrt wird. Nun sucht er einen Weg, die EU-Grenze zu überwinden.

KEIN ORT
, ein Dokumentarfilm von Kerstin Nickig, Deutschland/Polen 2009, 98 Minuten

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