Geschichten über Menschen - Das Märchen von Eduardo dem Erdnussbauern - Migration Integration und Migranten migmag Kulturmagazin

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Geschichten über Menschen - Das Märchen von Eduardo dem Erdnussbauern

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Geschichten über Menschen
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Luftpost aus Brasilien

Mit seiner Luftpost erzählt Wellemut in regelmäßigen Abständen über seine Erlebnisse in Brasilien, wo er derzeit ein freiwilliges soziales Jahr absolviert.

Über Wellemut:
Ich bin Wellemut. Zumindest nenne ich mich so, während ich aus Brasilien für "migmag" berichte. Wie der Name sagt, bin ich mutig, zumindest fällt mir gerade nichts ein, vor dem ich Angst haben sollte. Ich habe mich dazu entschlossen, direkt nach meinem Abitur einen entwicklungspolitischen Dienst in der Südzone São Paulos zu machen, in einer Favela, der Wohngegend der Armen. Gerade 20 Jahre alt geworden, bin ich aber, anders als es mein Name vermuten lassen könnte, im August 2010 nicht mit dem Boot über die Wellen des Atlantischen Ozeans gekommen, sondern mit dem Flugzeug. Seither tauche ich jeden Tag tiefer in die Fluten der bunten brasilianischen Kultur ein.

In einer Sozialorganisation arbeite ich als Hortgruppenleiter mit Kindern zwischen 10 und 15 Jahren und lerne so relativ schnell die portugiesische Sprache, die erste Voraussetzung für eine erfolgreiche Immigration. Nachmittags gebe ich Cello-Unterricht und abends erlebe ich das brasilianische Leben.


Blog do Brazil - Das Märchen von Eduardo dem Erdnussbauern
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Hier erzähle ich nun die Welthandelsgeschichte von Eduardo dem Erdnussbauern, dessen Erdnüsse theoretisch in Supermärkten angeboten werden könnten. Dies ist eine Geschichte, deren Tatsachen für den geschichtlichen Verlauf, etwas abgeändert wurden. Die Wirkung der Geschichte ist real.

Gewidmet der Globalisierung, die es möglich macht, dass Erdnüsse im Kaufland billiger zu kaufen sind, als in Brasilien, wo sie produziert werden.


Im Westen bei Cascavel (Staat Paraná), tief in Brasilien, lebte in einem Dorf, das nur aus Sojabauern, Barkeepern und Traktormechanikern besteht, Eduardo mit seiner Familie. Er hatte noch die Mitte seines Lebens vor sich, dazu eine hübsche Freundin und mit ihr einen fünfjährigen Sohn, der den ganzen Tag über, in den Sojafeldern um das Dorf herum, verstecken spielte. Er besaß einige Felder. Um genau zu sein, alle Felder bis zum Horizont, die auf seiner Dorfseite lagen. Dazu hatte er noch ein paar Traktoren, der Billig-Marke "New Hollands", ein Stall mit zehn Kühen, eine Sähmaschine, einen Pflug und eine Egge.



Viele sagten, er wäre reich. Er hatte zwar kein Geld, doch er hatte immer genug zu essen und viele Freunde - und wenn der Sohn eines Bekannten Arbeit suchte, ging er zu Eduardo und jobbte bei ihm als Traktorfahrer, Mechaniker oder Stallgehilfe.
Den Liter Milch konnte er für umgerechnet 1 € auf dem brasilianischen Milchmarkt verkaufen. Seine zehn Kühe waren nicht so leistungsfähig wie die Europäischen, dennoch lohnte sich für ihn der kleine Milch-Betrieb.

Weite Flächen werden in kleinbäuerlicher Wirtschaftsweise mit alten Traktoren bewirtschaftet

Eine weitere Verdienstmöglichkeit fand er ihm kleinbäuerlichen Anbau von Erdnüssen auf knappen 100 Hektar. Kleinbäuerlich deshalb, weil er nur alte Traktoren hatte, die eher an eine Hobbygärtnerei, als an ein Unternehmen für den brasilianischen Binnenmarkt erinnerten.
Mitte März des Jahres wurden die Erdnüsse immer geerntet, auf dem Hof getrocknet, gesalzen und an die Selbständigen Alef, Alison und Amanda verkauft. Alef war Straßenverkäufer in Curitiba und reiste mit seinem Pick-up voll von Erdnüssen durch alle Großstädte Paranás und verkaufte dort jedes 500-Gramm-Pack für 5 Reais. "2 Packen für 9 Reais", schrie er durch die Straßen. Alison machte das Gleiche in den südlichen Staaten, "Santa Catharina" und "Rio Grande do Sul". Amanda hingegen saß zu Hause im Büro und lieferte die Erdnusspackungen in Großabnehmermengen besonders nach São Paulo.

Das letzte und größte Standbein von Eduardo war jedoch der Sojaanbau. Wie alle Bauern erntete er im Sommer fünf Wochen nur Soja. Die Mähdrescher fuhren Tag und Nacht, alle Freunde halfen und er rief jeden Tag mit dem Handy altbekannte Lkw-Fahrer an, die in langen Schlangen am Feld warteten, bis der Mähdrescher sie mit Soja belud. Die vollen Hänger brachten die monotone Ernte in die großen Sojasilos der Sojafirma Coopavel am Dorfausgang. Er freute sich über jeden Lkw, der seine Farm verließ und überall wo etwas verladen wurde, bildeten sich lange Schlangen von wartenden Lkws, denn weder er, noch die anderen Bauern oder die Herren von Coopavel waren passionierten Logistiker. Coopavel, der regionale Großabnehmer, zahlte ihm immer den gleichen Preis pro Sojatonne. Und auch wenn das nicht viel war, für die Bauern, die weder Kontonummer noch E-Mail-Adresse besaßen, galt: Bares ist Wahres.


Die regionalen Großabnehmer bestimmen den Preis - bisher fair für die Bauern

Coopavel, in deren Büros alles noch mit Schreibmaschinen und Handtaschenrechner abgefertigt wurde, lagerte Soja in den Silos, bis in Curitiba, der Landeshauptstadt, der Sojapreis stieg. Dann ließen sie Soja, getrocknet und gesiebt, bis in den Hafen von Paranaguá bringen. Zu diesen Stoßzeiten stiegen die Transportkosten enorm an. Der Preis, den Coopavel an die Bauern zahlte, war sehr gering, verglichen mit dem Preis, für den Coopavel das Soja weiterverkauften, doch er musste reichen. Denn was sollten sie tun? Coopavel hatte absolute Monopolstellen in der Region. Niemand sonst konnte Soja in diesen großen Mengen kaufen. Schlussendlich war auch Coopavel Opfer der Weltwirtschaft für Nahrungsmittel. Denn seit Soja Hauptfuttermittel für die weltweite Fleischproduktion war und in "Biokraftstoffen" gebraucht wurde, war es neben Erdöl und anderen Rohstoffen begehrtes Handelsobjekt an der Börse.

Das Geld reichte gerade, um alle Fahrer zu bezahlen, die Traktoren zu reparieren, Saatgut zu kaufen und einpaar Flaschen Feierabendbier. Außerdem konnte Eduardo bei jeder Ernte ein paar "Sojasäcke" auf die Seite legen, um ein paar Hektar Land im nahe gelegenen Paraguay zu kaufen. Wenn ein Traktor auf dem Felde kaputt ging, musste er nun zwar weiter fahren, als bis zum Horizont, doch dafür war dort nicht nur das Land billiger, sondern auch die Löhne der Fahrer und Mechaniker niedriger.
Mit dem Landgewinn in Paraguay war auch sein Ansehen in seinem Dorf bei Cascavel gestiegen. Keiner kannte das Land, doch alle sahen in ihm einen tüchtigen Geschäftsmann.

Erfolgreiche Großkonzerne fischen die Untersten der Produktionskette mit gezinktem Köder

Eines Tages, nach einem guten Erntetag in der Bar, traf Eduardo auf einen Vertreter für Peanutsfirmen. Peanuts bedeutet in diesem Fall nicht, dass es kleine Firmen waren, die er vertrat. Nein, in diesem Fall war es ein Zusammenschluss von riesigen Konzernen des Lebensmittelhandels der Ersten Welt. Und der herzliche Brasilianer, mit dem Eduardo nun am Tresen saß, hatte es nicht auf Soja, sondern auf Erdnüsse abgesehen.
In bäuerlichem Dialekt bot ihm der Vertreter einen guten Preis pro Tonne getrockneter und gesalzener Erdnüsse. Einen besseren Preis, als Alef, Alison und Amanda ihn zahlen konnten. Und zusätzlich musste er die Erdnüsse gar nicht mehr verpacken. Doch für die Menge, die der Vertreter der Ersten Welt bei ihm kaufen wollte, musste er sämtliche Sojafelder zu Erdnussfeldern umpflanzen. Das konnte zu Anfang schwer werden, da die spritzmittelverseuchten Sojaäcker ein paar Jahre brauchten, bis auf ihnen eine gute Erdnussernte möglich wurde. Doch er stand kurz vor der Aussaht, die Agrarkonzerne hatten mal wieder die Preise für das Gen-Sojasaatgut angehoben und der Vertreter würde ihm einen günstigen Kredit zum Kauf von Erdnusssaatgut gewähren.

Eduardo war einverstanden und wollte die Sache mit einem Handschlag versiegeln - da zog der Vertreter auch schon einen dicken Vertrag aus der Tasche. Das oberste Blatt war bereits vollständig mit seinen Daten ausgefüllt und für seine Unterschrift bereit. In der Bar wollte Eduardo nun nicht seine Leseschwäche präsentieren, in dem er den Vertrag studierte, sondern unterschrieb schnell. Um Mitternacht ging er guter Dinge nach Hause. Das ganze Dorf wusste bereits, dass er nun vollständig auf Erdnussproduktion umstellen würde. Um 3 Uhr hatte er den Vertrag durchgelesen. Er fand es zwar etwas merkwürdig, dass kein fester Preis pro Sojatonne festgelegt worden war, doch der Vertreter hatte ja gemeint, dass sich das vereinbarte Angebot vielleicht in den nächsten Jahren noch verbessern würde und so sah er sein Glück gekommen. Eine Stunde später sprach er Alef, Alison und Amanda auf die Mailbox, um den Erdnussliefervertrag zu kündigen.

Eduardo nahm den Kredit, pflanzte genveränderte Erdnüsse, bei Cascavel sowie in Paraguay und sah die Frucht gedeihen. So verstrich ein milder Winter mit Temperaturen um 20 Grad. Als es wieder weihnachten wurde, und die Sojaähren in der heißen Sommersonne knackten, färbten sich auch seine Erdnussfelder dunkelgrün und der Vertreter kam, um die Erntequalität zu prüfen. Dank der genveränderten Erdnusspflanzen hatte er lediglich ein einziges, hochgiftiges Spritzmittel ausfahren müssen und konnte dennoch eine wurmfreie Ernte präsentieren.

Zum Ende der Visite zog ihn der Vertreter der Ersten Welt am Arm dicht an sich heran, wie es gläubige Brasilianer der Unterschicht tun, wenn sie einem etwas Zwielichtiges ins Gewissen reden wollen: Europa und die Erste Welt seien von einer schweren Wirtschaftskrise getroffen worden, viel schlimmer, als die armen Länder der Dritten Welt erschüttert wurden. Nun gelte es zusammen zuhalten, um dass kein Mensch verhungern müsse. Zudem sei es ihm aufgrund der Krise nicht möglich, den mündlich vereinbarten Sojapreis einzuhalten, den er vor einem knappen Jahr in der Bar geboten habe. Die Zeiten änderten sich eben und nur Gott wusste, was Morgen kommt. Er hätte höchstens ein Drittel dessen zahlen können, was sie vereinbart hatten. Es war ein Bruchteil dessen, was Alef, Alison und Amanda, die brasilianischen Straßenhändler, zahlten - denn von Wirtschaftskrise spürte man in Brasilien nichts.
Eduardo war entsetzt. Wie sollte er seine Traktoren bezahlen, wie seine Arbeiter und wie neues Saatgut kaufen. Wer sorgte nun für Haus, Hof, Festa und Freundin? Der Erlös reichte doch nicht einmal für die Dieselkosten der Erntetraktoren in Paraguay. Doch der Vertreter beschwichtigte ihn. Der Lebensmittelhandelsverband, für den er arbeite, habe beschlossen, ihm einen günstigen Kredit zu gewähren, um die Ernte liefern zu können.

Wie man die Dritte Welt dazu bringt, aus Mitleid der Ersten Welt etwas zu spenden

Eduardo überlegte. Er ist ein Christ, der Vertreter ist ein Christ und in Europa gibt es sicherlich ebenfalls viele Christen. Und Christus hat ebenfalls Armen geholfen und so sieht er nun seine Pflicht, seine Pinuts billiger zu verkaufen.
Das sei auch das Weiseste, sagte der Vertreter zum Schluss, und deutete auf das Kleingedruckte auf der letzten Seite des Vertrages, wo zu lesen war, dass, wenn der Bauer nicht imstande sei, die Kredite der Handelskette zurückzuzahlen, werden Felder, Tranktoren und Gebäude, inklusive der Wohnung des Farmers, an die Handelskette übergehen.
Er sah keine Chance. Es gab auch keine. Alef, Alison und Amanda hatten längst andere Zulieferer gefunden. Kein Mensch hätte auch nur annähernd so viele seiner Erdnüsse aus Brasilien und Paraguay abkaufen können, dass er den Kredit zurückzahlen hätte könnte; geschweige denn, dass er noch einmal weiteres Saatgut kaufen kann.
So liefert Eduardo bis heute an die Großhandelskette und damit ins deutsche Supermärkte, wo inzwischen auch Alef, Alison und Amanda einkaufen, da der Import der Nüsse aus Europa nach Brasilien billiger ist, als der direkte Kauf bei den Bauern in der fruchtbaren Ebene bei Cascavel.
In der Bar lässt er sich nur noch blicken, wenn die Itaú oder ein anderer Bankenkonzern mit "Happy Hour" für kostenlosen Alkohol sorgt. Dann holt er seinen Alkoholbedarf der letzten Wochen nach und vergisst für ein paar Tage den charmanten Vertreter, der mittleweile andere Farmer gefunden hat.
Seine Freundin hat sich einen reicheren Farmer gesucht, der etwas weniger Hektar hat, so dass sich keine Handelskette für ihn interessiert - außer Coopavel, das örtliche Sojamonopol. Seine Farm ist schon lange auf Kredit finanziert, die auf 20 Jahre befristet sind. Wie die zurückgezahlt werden sollen, überlässt er seinem, inzwischen zehnjährigen Sohn, der in den Erdnussfeldern bis zum Horizont, verstecken spielt.
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23. 05. 2011 von Wellemut


Nachtrag:

Bisher gibt es in Brasilien Proteste von Kleinbauern und Landlosen, deren Forderung es ist, dass die Großbauern teilweise staatlich enteignet werden, und das enteignete Land an Landlose vergeben wird. Nach einer gescheiterten Unterschriftenaktion für eine Landreform
, die vorsah, dass das Land in Module eingeteilt würde, wovon höchstens 35 einem Konzern gehören dürften, weiß ich bisher von keiner Initiative. Größtenteils scheitern Vorhaben gegen Großkonzerne an der Bestechlichkeit der Behörden und die meisten politisch Verantwortlichen sind selber Großgrundbesitzer.



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