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Migration in Deutschland - Minderheiten Roma

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Minderheiten

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Den Kindern soll es besser gehen





Onofrei Miclescu hat in Lyon einen Verein gegründet, um die Interessen der Roma in Lyon zu bündeln und als deren Stellvertreter bei Behörden agieren zu können.

Naomi nimmt den Kocher vom Gasherd, gießt Wasser auf das Kaffeepulver in den Tassen vor sich und setzt sich an den runden Holztisch in ihrer Küche. Die Sonne scheint durch das Fenster. Kinder spielen im Nebenzimmer, der Kleinste pflückt im Garten unreife Pflaumen.

Naomi wohnt mit ihren fünf Kindern und ihrem Mann Zvonko in einem Vorort von Lyon. Das Haus bietet ihnen Platz, die Kinder können im Garten oder am nahe gelegenen Flussarm der Rhône spielen. „Zur Schule brauchen die Kinder bloß zehn Minuten mit der Metro. Ich hoffe wir können hier bleiben", meint Zvonko und legt die Stirn in Falten,  „Der Vermieter ist nett. Er hat nur die Fenster und Türen im Untergeschoss zugemacht, aber hier oben lässt er uns in Ruhe bis das Haus verkauft ist." Die Familie hat das unbewohnte Haus bei einem Spaziergang entdeckt. Und ist eingezogen.


Nach drei Monaten werden die Siedlungen abgerissen

Naomi und Zvonko sind Roma. Seitdem die beiden Rumänien in den Neunziger Jahren verlassen haben, haben sie an vielen Orten gewohnt. Von den meisten erfuhren sie durch Verwandte oder Freunde. So kamen sie auch nach Lyon. Bisher haben sie in den provisorischen Siedlungen aus Plastik, Spanplatten und Wellblech gelebt, die immer wieder auf Brachflächen in der Stadt errichtet werden.
Drei Monate lang besteht eine solche Siedlung in der Regel; mit etwas Glück auch vier. Die Polizei kommt fast täglich zur Kontrolle, berichtet Naomi. Sie teilen Formulare aus, auf denen das Datum der ersten Kontrolle vermerkt ist und die bei jeder folgenden vorgelegt werden müssen. Die meisten der Bewohner dieser Siedlungen stammen aus Rumänien. Laut geltendem EU-Recht dürfen sie sich drei Monate lang legal im europäischen Ausland aufhalten. Nach Ablauf dieser Frist müssen sie entweder eine Arbeitsstelle oder ausreichend finanzielle Mittel nachweisen, um bleiben zu dürfen. Nach drei Monaten werden die Siedlungen darum durch die Stadt abgerissen, um von den Bewohnern an einem anderen Ort wieder aufgebaut zu werden. „Für die Kinder ist das schlecht“, findet Naomi. Immer wieder müssen die Familien umziehen. Die Siedlungen sind kein Ort, an dem sie ihre Kinder gerne großzieht. Die Kinder bräuchten einen Ort, an dem sie sich zu Hause fühlten, wo sie für die Schule lernen könnten. Da sei das Haus perfekt, so versichert sie.


Reden mit den Roma, statt über sie

Naomi und Zvonko gegenüber sitzt Onofrei Miclescu. Er trägt eine beige Kordjacke und Jeans. Unter seine dunkelbraunen Haare mischen sich einige graue. Auch er kommt aus Rumänien und wohnt seit 15 Jahren in Frankreich. Auch er ist Roma und kennt den Alltag der Familien in den Siedlungen. Vor drei Jahren hat er den Verein „Caravana Romilor" gegründet. L'association, c'est moi!" [Der Verein bin ich"] sagt Onofrei und lacht. Sinn und Zweck des Vereins ist es, die Interessen der Roma in Lyon zu bündeln und als deren Stellvertreter bei Behörden agieren zu können. Die Stadt behauptet, sie hätten niemanden, an den sie sich wenden können. „Man redet viel über, aber nicht mit den Roma", sagt Onofrei und stützt sich mit den Unterarmen auf den Tisch. Er ist seit Monaten mit der Stadt im Gespräch. Sein Konzept sei einfach, aber die Behörden kompliziert. Onofrei nimmt einen Bleistift und ein Blatt Papier in die Hand und beginnt zu skizzieren. Er will ein Terrain, auf dem etwa zehn Familien Platz finden. Erst einmal sollten Wohnwagen aufgestellt werden. Der Platz soll mit Wasser und Elektrizität versorgt sein. Das Wichtigste aber sei ein Unterstand, der als offenes Klassenzimmer fungieren soll. Den zeichnet Onofrei in die Mitte des Blattes: „Den Kindern soll es besser gehen."


Abschieben in ein anderes Land – Hauptsache weg

Davon ist auch Naomi überzeugt. Deshalb fährt sie allein in die Stadt, wenn die älteren Kinder in der Schule sind und sich Zvonko um den Kleinen kümmert. Sie sollen nicht erfahren, dass sie bettelt. Ein bisschen schäme sie sich schon dafür, aber ihr bliebe häufig nichts anderes übrig. „Arbeit finden ist schwierig für Tziganes[Zigeuner]", wirft Onofrei ein. Ein, zwei Mal hat Naomi beinahe einen Job bekommen. Als sie dann forderte, der Arbeitgeber möge sie anmelden, hat man sie ganz schnell wieder verabschiedet. Die Leute seien es gewohnt, dass Roma schwarz arbeiten, für offizielle Angestellte müsse man nicht auf sie zurückgreifen. „Viele Leute denken, wir tanzen und klauen. Aber arbeiten, non!" sagt Onofrei und winkt ab.


2010 hagelte es für die französische Regierung und den damaligen Innenminister Brice Hortefeux international Kritik. Innerhalb weniger Wochen wurde eine Vielzahl der illegalen Siedlungen in französischen Städten aufgelöst und die Bewohner in ihre Herkunftsstaaten abgeschoben. Trotz der Rassismus-Vorwürfe hat sich an dieser Praxis bisher nicht viel verändert, wie Onofrei berichtet. Man wolle sie einfach loswerden, meint er und erzählt von Familien, denen angeboten wurde, sie in ein anderes Land zu bringen. Spanien, Italien, egal. Man habe ihnen die Zugfahrt bezahlen wollen. Diese Angebote kennt auch Naomi. „Aber wir fühlen uns wohl in Lyon. Wir wollen nicht weg und die Kinder auch nicht."


Wenn Naomi und Zvonko Glück haben, können sie noch einige Monate in dem Haus wohnen bleiben, bis sich ein Käufer gefunden hat. Größter Interessent ist, laut Eigentümer, bisher die Stadt Lyon.
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Anne Pollmann, 7. Juni 2012


Zur Autorin Anne Pollmann:

Anne Pollmann (23) ist Studentin an der TU Dresden im Fach Politikwissenschaft. In diesem Semester schreibt sie ihre Abschlussarbeit zum Thema „Irreguläre Migration und das EU-Migrationsmanagement“.


 
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