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Projekt Boxgirls

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Interview mit
Prof. Heather Cameron
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„Lernen, sich Widerständen mutig und aufrecht entgegenzustellen“



migmag im Interview mit Prof. Heather Cameron, Gründerin des mehrfach ausgezeichneten Kreuzberger Projekts „Boxgirls International“ über Mädchen, Inklusion und das Leben als Tanz. Prof. Dr. Heather Cameron wurde aufgrund ihres Engagements vom Deutschen Hochschulverband zur „Hochschullehrerin des Jahres 2010“ ernannt und ist seit November 2010 Ashoka Fellow (http://germany.ashoka.org/).


migmag: Frau Cameron, Kompliment für Ihr Projekt Boxgirls International. Gab es im Hinblick auf Boxgirls International jemals Selbstzweifel?

Prof. Heather Cameron: Anfangs waren die Leute skeptisch. So mussten viele Eltern, die heute stolze Unterstützer der Organisation und ihrer Ziele sind, am Anfang erst überzeugt werden, dass Boxen der richtige Sport für ihre Töchter ist.


migmag: Ihre Mutter war nicht begeistert, als sie erfuhr, dass Sie mit dem Boxen angefangen haben. Was sprach bei der Entwicklung der Idee für diesen Sport?

Prof. Heather Cameron: Heute mag meine Mutter Boxen. Boxer sind schlaue Leute. Die Box-Erfahrungen lehren Mädchen sich etwas zuzutrauen, die Initiative zu ergreifen und die Energie eines Schlages positiv umzuwandeln. Sie lernen Ausdauer zu entwickeln, sich Widerständen mutig und aufrecht entgegenzustellen und einen Kampf bis zum Ende zu bringen. Sie lernen Disziplin und Konzentrationsfähigkeit; und die Erkenntnis, dass ein Kampf im Training gewonnen oder verloren wird, um eine alte Boxerweisheit zu zitieren. Dass heißt: Wenn du weißt, dass du dein Bestes in der Vorbereitung gegeben hast, hast du bereits gewonnen, auch wenn die Gegnerin in der Auseinandersetzung an diesem Tag vielleicht mehr Punkte holen konnte.


migmag: Welche Bedürfnisse der Mädchen stillen die Boxgirls International?

Prof. Heather Cameron: Mädchen werden ernst genommen. Sie erleben bei uns einen geschützten Raum: Sie bekommen Platz für ihr eigenes Verständnis. Sie können Herausforderungen aufbauen und die Selbstsicherheit gewinnen, einen Plan zu entwickeln und ihn durchzusetzen. Boxen ist Partnerarbeit. Wir helfen ihnen; sagen ihnen aber auch, dass sie selbst Verantwortung tragen. Bei den Boxgirls lernen sie Menschen aus verschiedenen Bezirken kennen. Sie fühlen sich als Bürgerinnen dieser Stadt.


migmag: Wo liegen die größten Hindernisse für Mädchen, sich bei Ihnen anzumelden?

Prof. Heather Cameron: Wir räumen Hindernisse ab. Dazu sind wir aktiv bei der Gewinnung neuer Mitglieder. Wir gehen in Schulen und sind sichtbar. Wir sind ein Verein, sind preiswert und unbürokratisch, bilden Trainer aus und beziehen die Familie aktiv in unsere Arbeit ein. Im Verein treffen die unterschiedlichsten sozialen Realitäten, die verschiedensten Biografien aufeinander. Das wirkt ausgleichend. Wir haben die Räume den Anforderungen angepasst, zum Beispiel die Fenster mit Folien beklebt, damit keine Jungs reinschauen können. Wir sind streng beim Thema Alkohol und beziehen die Mädchen bei Entscheidungen mit ein. Wir bilden Trainer mit eigenen Talenten aus.

migmag:
In einem Interview der taz sagt Trainerin Sarah Bitterling: „Der Boxkampf ist wie ein Tanz“. Lernen ihre Teilnehmerinnen, das Leben als Tanz zu nehmen?
Prof. Heather Cameron: Mädchen finden beim Boxen ihren eigenen Takt, sie entwickeln eine eigene Choreographie – manchmal mit wildem Tempowechsel, manchmal mit einem Stolpern. In jedem Fall sollen sie es genießen.


migmag: In der öffentlichen Debatte über Migration in Deutschland tritt immer häufiger das Konzept der Inklusion – der Vielfalt als Normalität – auf. Ihr Heimatland Kanada gilt als Vorreiter der Inklusion. Wie erleben Sie als Wissenschaftlerin und als Gründerin der Boxgirls die Inklusion; ist sie in einem geschützten Raum möglich?
Prof. Heather Cameron: Ja, unser Ziel ist es, den Teilnehmerinnen hier einen freien und vorurteilsfreien Sport zu bieten. Schauen Sie nach Kanada. Es ist ein multikulturelles Land, in dem es auch Schwierigkeiten gibt, aber es besitzt die Stärke der Diversität (Vielfalt/Anm.). In Kanada erfreuen wir uns an einem sozialen und kulturellen Reichtum, der erst durch die Vielfalt der Kulturen ermöglicht wird. Es ist natürlich nicht perfekt, aber wir versuchen, auf das Positive zu konzentrieren und das zu fördern und ermöglichen damit, dass alle ihr ganz persönliches Bestes geben können.


migmag: Wie bearbeiten Sie an Ihrem Lehrstuhl das Thema Inklusion?

Prof. Heather Cameron: Die Arbeit an meinem Lehrstuhl ist vielfältig und innovativ. Sie hat außerdem direkte gesellschaftliche Relevanz. Ich finde es spannend, Wissen über neue Formen der sozialen Dazugehörigkeit zu kreieren und erfolgreiche Maßnahmen gesellschaftlicher Teilhabe zu untersuchen. Ich möchte zudem innovative Lehr- und Lernmethoden schaffen, die meinen Studenten die Problemlösung anhand konkreter Fälle ermöglichen.


migmag: Durch die Stärkung und Förderung von Mädchen und Frauen möchte Boxgirls International einen entscheidenden Beitrag zu gesellschaftlichem Wandel leisten. Wie sieht dieser Wandel aus?

Prof. Heather Cameron: „Boxgirls“ will durch sportliches Training die körperliche und mentale Fitness von Mädchen und jungen Frauen steigern, ihr Selbstwertgefühl stärken und Aggressionen und Trägheit entgegenwirken. Mädchen und junge Frauen werden angeregt, aktiv als Multiplikatorinnen für mehr gesellschaftliche Partizipation und Rechte von Frauen einzustehen und selbst Verantwortung für sozialen Wandel zu übernehmen.


migmag: Hollywood dreht in zehn Jahren einen Film über die Boxgirls. Wie lautet der Titel?
Prof. Heather Cameron: ...ich muss überlegen...ich denke: „Courage wins“.

migmag:
Ihr Wunsch bis dahin?

Prof. Heather Cameron: Ich wünsche mir, dass mehr Menschen uns unterstützen und gemeinsam mit uns an dem Erreichen unserer Ziele arbeiten. Mit ihrer Expertise ebenso wie mit ihrem Geld. Wir brauchen mehr Trainingsmöglichkeiten und mehr Trainer – beides kostet.


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Maren Becker, 9. März 2011

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