Migration Integration - IBZ - Migration Integration und Migranten migmag Kulturmagazin

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Migration Integration - IBZ

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Umgang mit Menschen

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Interview mit
Ali Ekber Agu
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Die Stillen im Lande
„Mehr Gehör verschaffen“


Gespräch mit Ali Ekber Agu, Geschäftsführer des Internationalen Begegnungszentrums Friedenshaus (IBZ) in Bielefeld.


migmag: Herr Agu, Sie sind seit 22 Jahren Mitglied im IBZ. Was zeichnet den Charakter dieses Vereins aus?
Ali Ekber Agu: Der Verein besteht seit 31 Jahren. Er ist nicht ethnisch angelegt. In unserem Haus treffen sich Menschen vieler Herkunftsländer und verschiedene Vereine, Gruppen und Initiativen. Der Verein ist der einzige seiner Art in Bielefeld und Nordrhein-Westfalen.

migmag: Über 40 Prozent der Einwohner in Bielefeld haben einen Migrationshintergrund. Wie spiegelt sich diese Bürgerschaft in Ihrem Verein wider?
Ali Ekber Agu: In unserem Haus sind 25 internationale, politisch und kulturelle Vereine, Gruppen und Initiativen aktiv. Manche bestehen schon seit Beginn der Einrichtung und haben das IBZ sogar mit aufgebaut. Die ethnische Zusammensetzung unserer Mitglieder und vor allem auch unserer Besucher ist einmalig und spiegelt in besonderer Weise den Querschnitt der Bevölkerung in Bielefeld wieder.


migmag: Welche Hindernisse muss das IBZ überwinden, um ein zukunftsweisendes Modell sein zu können?
Ali Ekber Agu: Unser Verein finanziert sich aus unterschiedlichen Quellen. Das funktioniert im Moment. Unser Ziel ist es, ihn weiter zu professionalisieren und auf gesunde Beine zu stellen. Dafür ist es beispielsweise wichtig, dass die Kommune durch eine kontinuierliche und bedarfsorientierte Förderung, die Sicherstellung des Erhalts des Hauses gewährleistet. Die Neubeantragung und Langfristigkeit bei Projektförderung spielt hier auch eine wichtige Rolle.


Wir beschäftigen heute acht hauptamtliche Mitarbeiter. Die
migrationspolitischen Herausforderungen haben die Handlungsfelder unseres Hauses ausgeweitet. Vielfältige Aktivitäten erfordern mehr Mitarbeiter bzw. neue Mittel. Die Kontinuität ist ohne finanzielle Absicherung nicht möglich.
Und: Die meisten Mitglieder besitzen mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft.


migmag: Was bedeutet dies für das IBZ?

Ali Ekber Agu: Wir möchten die Arbeit unserer Mitglieder wieder mehr in der Vordergrund stellen, sie stärker in den Verein einbinden und versuchen, sie zu aktivieren. Dass dies gelingt, haben wir gerade bei einigen Aktionen gegen den Rechtsextremismus erlebt. Da bekamen wir große Unterstützung von Mitgliedern, zu denen wir lange Zeit wenig Kontakt hatten.


migmag: Das IBZ beteiligt sich aktiv am Kampf gegen Neonazis in Bielefeld. Sie sind Teil des Netzwerkes „Bündnis gegen Rechts“ und demonstrierten beispielsweise im vergangenen Dezember gegen den Aufmarsch von Neonazis in Bielefeld mit. Wie begegnet der Verein der Diskriminierung im Alltag?

Ali Ekber Agu: Wir stehen für eine kontinuierliche Arbeit gegen jede Form von Rassismus, Nationalismus und Diskriminierung. Wir erleben leider, dass immer noch vieles in der Gesellschaft verharmlost wird. Nach der Wiedervereinigung waren Gesellschaft und Politik beim Thema Diskriminierung sehr, sehr blind. Aus unserer täglichen Arbeit wissen wir, dass viele Migranten, sicher auch durch den oft in ihrem Alltag erlebten Rassismus und die Diskriminierungen, einige bringen solche Erfahrungen aus ihren Herkunftsländern mit, gegenüber Behörden wie z.B. Polizei, etc. sehr vorsichtig sind. Sie befürchten Ungerechtigkeiten, die bewusst gedeckt werden. Diese Einschätzung wird durch die Ereignisse um die „NSU“ nur noch weiter gestärkt. Dies war früher etwas anders bzw. nicht so stark ausgeprägt.

migmag: Einen großen Bereich nimmt bei Ihnen das Thema Asyl ein. Wie helfen Sie zum Beispiel Flüchtlingen?

Ali Ekber Agu: Migrationsberatung für Erwachsene Zuwanderer ist ein fester Bestandteil im Haus. Sie arbeitet eng mit den anderen Bereichen im Hause, wie den Bildungswerken (Integrationskursen) und dem Kinder- und Jugendbereich (unter anderem auch Elternarbeit) zusammen. Durch den Bereich Integrationskurse besteht auch ein erhöhter Bedarf an Migrationsberatung. Wir bieten Hilfe bei der Eingliederung. Viele Migranten haben große Vorbehalte gegenüber Behörden. Sie haben in ihren Herkunftsländern schlechte Erfahrungen mit dem Staat gemacht. Wir werden als Verein oft gefragt, ob es wirklich stimmt, was die Behörde sagt.

Vor allem brauchen wir eine solidarische, gerechte Gesellschaft die allen Menschen gleiche Chancen bietet, unabhängig von Herkunft und Aufenthaltsstatus. Unser Haus
ist ein Ort, in dem Flüchtlinge politische und persönliche Unterstützung erfahren. Besonders für die Gruppen ist es wichtig, einen diskriminierungs- und angstfreien Begegnungsort zu haben, in dem alle  Ausgegrenzten ein solidarisches Miteinander erfahren. Dies ist ein Treffpunkt von Flüchtlingsgruppen aus aller Welt. Besonders auch heutzutage ist Solidarität mit Flüchtlingen ein zentrales Anliegen des Hauses.

migmag: Was soll sich für einen gerechteren Umgang mit Migranten in Deutschland in naher Zukunft verändern?

Ali Ekber Agu: Die guten Absichten in der Politik müssen auch die Menschen in den Behörden erreichen. Wir brauchen mehr Gehör in der Öffentlichkeit und ein neues Bewusstsein für das Thema Migration in der Gesellschaft. Vor allem brauchen wir eine Anerkennungskultur in der Gesellschaft in allen Bereichen und ein Leben für alle Menschen ohne Ausgrenzung, Diskriminierung und Rassismus, wofür wir als Haus stehen.
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15.02.2012 Maren Becker


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Über das IBZ
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Im Jahr 2011 feierte das Internationale Begegnungszentrum Friedenshaus e.V. (IBZ) in Bielefeld, kurz IBZ, sein 30-jähriges Bestehen. Gegründet von MigrantInnen verschiedener Herkunft und Deutschen folgt das ibz bis heute dem Anspruch, für „Völkerverständigung, Toleranz, friedliches Zusammenleben, Gleichberechtigung und Chancengleichheit der Menschen verschiedener Herkunft“ einzutreten. Der Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung prägt die Alltagsarbeit des Vereins.

Alleine die Geschichte des Hauses ist bis heute so aktuell wie vor 30 Jahren – denn wie die aktuelle Integrationsdebatte zeigt, ist ein selbstverständliches Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft noch immer nicht Alltag – genau dafür möchte das IBZ eintreten. Das IBZ ist ausschließlich gewaltfreien und demokratischen Mitteln verpflichtet.

Das IBZ hat die Migrations- und Integrationsgeschichte der Stadt Bielefeld maßgeblich mitgeschrieben. Der Verein steht nicht nur für die Emanzipation der MigrantInnen in der Stadt, sondern wirkt auch als Ideenschmiede für Projekte, die das Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft verbessern sollen. Zahlreiche Initiativen und Projekte hatten ihren Ursprung im IBZ – wie z.B. der Carneval der Kulturen, der internationale Künstlerverein oder die erste Zeitung von und für MigrantInnen. Der erste türkischstämmige Bürgermeister einer Großstadt kam aus dem IBZ, ebenso wie der Integrationsbeauftragte des Bundeslandes Berlin. Auch das erste deutsche Antidiskriminierungsbüro ist im IBZ entstanden.

Weitere Informationen
zum > IBZ


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