Umgang mit Migranten - Christine Frank - Migration Integration und Migranten migmag Kulturmagazin

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Umgang mit Migranten - Christine Frank

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Umgang mit Menschen

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Interview mit Christine Frank
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"Sprecht - egal, wie gut die Sprachkenntnisse sind."

Umgang mit Migranten - Christine Frank aus Kirgistan

Interview mit Christine Frank über ihr Ankommen als Zehnjährige im fremden Land Deutschland

"Du musst sie unbedingt kennen lernen", sagte die Bekannte, "Sie passt genau zu eurem Magazin." Die junge Frau sei als Kind mit ihren Eltern aus Osteuropa gekommen, woher genau, wisse sie nicht. In jedem Fall sei sie sehr modern und selbstbewusst. Ein paar Tage später ruft Christine Frank an. Sie möchte mehr über migmag erfahren und sie frage sich, ob sie nicht zu jung sei, um über das Thema Migration zu sprechen. Nein, ist sie nicht. Christine Frank stammt aus Kirgistan und reiste 1993 mit ihrer Familie nach Deutschland aus. Sie zählt zur großen Zahl der Spätaussiedler, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nach Deutschland kamen. Christine Frank stimmt einem ersten Kennenlernen zu. Beim zweiten Treffen, wieder zum Cappuccino im Eiscafé, machen wir Bilder und reden über ihr Ankommen im Aufnahmelager Friedland in Niedersachsen, die Macht der Sprache und die erste Begegnung mit einer Leberwurst. Christine Frank, Jg. 1984, studiert heute Pädagogik und Psychologie an der Universität Erlangen.

migmag: Erinnern Sie sich noch an die Farbe Ihrer Geburtsstadt Bischkeck?
Christine Frank: Bischkeck ist grau. Wir lebten in einem Viertel, das aus einfachen Hochhäusern bestand, die an die Plattenbauten der ehemaligen DDR erinnern.

migmag:
Wann erfuhren Sie davon, dass Ihre Eltern den Antrag auf Ausreise gestellt haben?
Christine Frank:
Ich war zu der Zeit im Kindergarten; ich durfte aber niemandem von dem Ausreiseantrag erzählen. Meine Eltern hatten Angst ausgeraubt zu werden. Es gab das Gerücht, wer ausreist, müsse Geld besitzen.

migmag:
Wie lange wartete Ihre Familie auf die Antwort aus Deutschland?
Christine Frank:
Ungefähr vier oder fünf Jahre. Ich war damals zehn Jahre alt und ging in Bischkek in die Grundschule. Dann kam der dicke Brief aus Deutschland. Der war falsch adressiert und wanderte durch die ganze Stadt. Wir hatten Glück, dass er trotz falscher Adresse irgendwann bei uns ankam. Als der Brief bei uns war, hatte mein Vater Angst, ihn zu öffnen. Meine Tante fragte nur: Ist etwas rot durchgestrichen?
Nein, sagte mein Vater.
Das ist ein gutes Zeichen, sagte meine Tante.

migmag:
Zahlte die Bundesregierung die Reisetickets?
Christine Frank:
Nein. Wir verkauften alles, um Geld für die Flugtickets zu haben. Lustigerweise riet man uns, Decken mitzunehmen. Man dachte wohl, es gebe in Deutschland keine Decken.

migmag:
Was erhofften sich Ihre Eltern von der Ausreise?
Christine Frank:
Sie hatten die Hoffnung auf ein besseres und schöneres Leben. Wir hatten nichts zu verlieren, keinen Reichtum, kein Haus. Mein Vater sagte, er reise in seine Heimat zurück. Er besaß immer dieses Heimatgefühl und den Wunsch, endlich als Deutscher akzeptiert - und nicht als Deutscher beschimpft zu werden. Den Wunsch hat er seit seiner Jugend gehabt. Seine Eltern lebten an verschiedenen Orten der ehemaligen Sowjetunion.

migmag:
Und Sie?
Christine Frank:
Ich freute mich; man malte uns Deutschland als einen paradiesischen Ort. Was auf einen zukommen würde, davon war keine Rede.

migmag:
Was war ihr erster Eindruck von Deutschland?
Christine Frank:
Das war ein Bus auf dem Flughafen in Stuttgart. Der Bus war riesig und so sauber, wir hatten Glastüren bis zum Boden. Er fuhr uns über das Gelände, wo bereits Busse warteten, die uns zu den Aufnahmelagern brachten. Sie fuhren auf der Autobahn und die grüne Landschaft rauschte an uns vorbei. Die Wolken waren zum Greifen nah.

migmag: Sie kamen nachts in Friedland in Niedersachsen an. Wie ging es Ihnen da?

Christine Frank: Die kleinen Baracken wirkten so freundlich. Die Kantine öffnete für uns. Es war das erste Mal, dass ich eine Leberwurst sah. Wir wussten nicht, was wir mit ihr auf dem Tablett tun sollten. Ich biss einfach auf die Plastikhülle. Ein alter Mann erklärte uns dann, wie man sie öffnet und auf das dunkle Brot schmiert. Wir blieben nur zwei Wochen und wurden dann zuerst nach Bärenstein und dann in die Nähe von Leipzig gebracht, wo wir zwei Jahre bleiben sollten, um den Alltag im neuen Land kennen zu lernen.

migmag: Was lernten Sie vom deutschen Alltag kennen?

Christine Frank: Zuerst das Einkaufen und diese Vielfalt. Wir konnten nicht glauben, dass sich beim  Betreten eines Marktes automatisch Türen öffnen. Es gab alles im Überfluss. Obst zu jeder Jahreszeit und Süßigkeiten, die ich sehr sparsam aß. Eingelegtes Gemüse war sehr sauer, vor allem die Gewürzgurken. Meine Mutter entdeckte erstmals Pampers für meinen Bruder - sie bekam keine wunden Hände mehr vom Waschen der Stoffbinden!

migmag: Sie erwähnten die Macht der Sprache. Was verbinden Sie damit?

Christine Frank: Meine Ohnmacht als Kind, die darin bestand, kein Deutsch sprechen zu können. Einmal schrie eine Frau in der Kantine mich an. Ich empfand es als ungerecht, aber ich hatte nicht die Möglichkeit mich auszudrücken. Ein anderes Mal beschimpfte mich ein Junge in der Schule als "Russin". Irgendwann trat er mich auch. Das war dann der Punkt, an dem ich merkte, dass ich mich wehren muss, um in keine Opferrolle zu fallen. Ich trat zurück, weil ich mich mit Worten nicht wehren konnte. Ich fühlte mich dumm.

migmag: Wann verlor sich diese Ohnmacht?

Christine Frank: In der Schule, dort konnte ich spielerisch Deutsch lernen. Heute empfehle ich Menschen, die eine fremde Sprachen lernen müssen: Schämt euch nicht, sprecht - egal, wie gut die Sprachkenntnisse sind. Sprache ist soziale Integration und sehr wichtig für die eigene Selbstverwirklichung.

migmag: Wie sehen Sie heute ihr Leben in Deutschland?

Christine Frank: Mir ist im Lauf der Zeit bewusst geworden, dass ich viel Glück hatte, als wir nach Deutschland ausreisen konnten. Dadurch bin ich offener geworden, weil ich selber diskriminiert wurde; und ich bin bescheiden geblieben, weil ich in Armut gelebt habe. In Deutschland habe ich gelernt, wenn es Schwierigkeiten gibt, kann man sie mit dem richtigen Umfeld meistern. In Deutschland hat alles seinen Plan und es ist oft hektisch. Man lebt sehr für sich und verbringt wenig Zeit mit Freunden. Manchmal vermisse ich meine Verwandten und Gemütlichkeit.
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Interview: Maren Becker, 15.04.2011

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